Ein Jahr freie Schule – Ehrlicher Rückblick

Die freie Schule hat Sommerferien – Zeit für einen Rückblick. Seit einem Jahr besucht mein Sohn die freie demokratische Schule und ganz oft werde ich gefragt, ob wir mit der Schulwahl zufrieden sind und wie es dort so laufe. Kommt also mit auf unsere Schulschlussfeier in die freie Schule und lest, welche kritischen Gedanken ich mir in diesem Jahr über das Schulkonzept machte.

Die Schulschlussfeier – ebenso frei wie die freie Schule selbst

Während klassische Schulschlussfeiern einen Beginn mit offizieller Begrüssung und Rahmenprogramm haben, findet die Schulschlussfeier in der freien Schule in Form eines Apéros mit freiem Kommen und Gehen statt. Im grossen Garten auf einem langen Tisch stehen diverse Köstlichkeiten – alle Eltern bringen etwas fürs Buffet mit. Salate, Kuchen, Früchte, Brote und verschiedene Apérohäppchen machen Lust auf gemütliches Verweilen.

Daneben spielen die Kinder – rennen, rutschen auf der Rutsche, lachen, diskutieren oder fahren mit den Fahrrädern.

Nach kurzer Ansage führen drei Mädchen neben dem Apérotisch eine kurze Tanzvorstellung auf. Die Musik dazu kommt aus einer Boxen-Konstruktion eines Schülers. Sie tun dies freiwillig, weil sie Lust dazu hatten.

Ich gehe zu der Dia-Vorstellung der Kinder, welche die freie Schule dieses Jahr abschliessen. Sie haben zum Abschluss ihrer Schulzeit eine mehrtägige Velotour unternommen. Von der Schweiz bis zur Ostsee mit dem Bike. Sie erzählen einige lustige Anekdoten über dieses Abenteuer.

Auf dem Weg zur Diashow laufe ich an einer langen Wäscheleine vorbei an welcher alle liegengebliebenen Kleidungsstücken hängen. Ein Sonnenhut und ein Sweatshirt wandern in meine Tasche. Ich staune darüber, dass mein Sohn nicht mehr Kleider dort vergessen hat.

In einem anderen Raum laufen in Dauerschleife Fotos vom ganzen Schuljahr. Dort hin schaffe ich es aber vor lauter Quatschen nicht.

Es ist ein gemütliches, ungezwungenes Ausklingen des Schuljahres. Selbstverständlich ohne Zeugnisse, denn in der freien Schule gibt es keine Schulfächer, Prüfungen oder Schulnoten!

Freie Schule und die „Lernangebote“

In diesem Jahr habe ich mich viel mit dem Thema freie Schule beschäftigt. Unter anderem auch durch die Zusammenarbeit mit dem Schools of Trust-Team lernte ich einiges über die verschiedenen Arten von freien demokratischen Schulen. Flo von SoT hat in einem Video (hier) verschiedene Strömungen kurz erklärt. Ich verwende nachfolgend seine Überbegriffe.

„Sudbury-Schulen“ haben keine Lernangebote

Die Schule meines Sohnes gehört wohl am ehesten zu den „Sudbury Schulen“, wo es keine fixen Lernangebote gibt. Es gibt also keinen Stundenplan, wo die Kinder entscheiden können, ob sie am Deutschkurs am Montag um 10 Uhr mitmachen wollen oder lieber frei etwas anderes machen möchten. Die Initiative um etwas zu lernen kommt bei diesem Schulkonzept immer vom Kind aus.

Konkret sieht das dann so aus, dass mein Sohn zu einem Lernbegleiter (oder einem anderen Schüler) geht und beispielsweise sagt, dass er lernen will, die elektrische Säge zu bedienen und ob er ihm das beibringen kann. Genau so funktioniert das auch mit den klassischen Schulfächern wie Deutsch und Mathe ect. Wenn das Kind ein Interesse bekundet, versucht die Schule Unterstützung zu bieten, damit es sich dort weiter entwickeln kann, wo seine intrinsische Motivation und der aktuelle Tatendrang liegt.

„Summerhill-Schulen“ haben Lernangebote

Es gibt hingegen auch freie demokratische Schulen mit einem anderen Ansatz. Dort gibt es einen Stundenplan mit verschiedenen klassischen Schulfächern und je nach dem auch mal einer Sonderstunde zu einem aktuellen oder speziellen Thema. Die sogenannten „Angebote“ können auf freiwilliger Basis von den Kindern besucht werden, oder auch nicht.

Die verschiedenen Schul-Strömungen unterscheiden sich natürlich nicht nur dadurch, ob es fixe Lernangebote gibt oder nicht, sondern auch in vielen anderen Dingen wie zum Beispiel der Schulversammlung und wie dieses Schulorgan genau gehandhabt wird.

freie Schule - kritische Gedanken gehören dazuFreie Schule – Meine kritischen Gedanken zum Schulkonzept

In diesem Jahr gab es Zeiten in denen ich das Schulkonzept hinterfragt habe. Wieso gibt es keine fixen Lernangebote? Wäre es nicht sinnvoller einen Mathekurs oder was auch immer anzubieten? Würde das nicht ein, vielleicht noch unentdecktes Interesse bei meinem Sohn wecken? Würde es nicht „schneller vorangehen“, wenn man auch mal passiv Lernstoff konsumieren kann, zum Beispiel in einem Mathekurs? Natürlich nur wenn die Teilnahme am Kurs freigestellt ist und vorausgesetzt, das Kind hat ein Interesse an besagtem Schulfach.

Unsere Schule hat ihre Gründe wieso sie so funktioniert wie sie es tut. Diese sind in den Erfahrungen begründet, die die Schulleitung bisher gemacht hat. Natürlich sind dies viele Jahre mehr an Erfahrung als ich zu bieten habe. Mein Kind ist ja erst seit einem Jahr in der freien demokratischen Schule und es gibt für beide erwähnten Strömungen, also für die „Sudbury-Schulen“ und die „Summerhill-Schulen“ sowohl Pros als auch Contras. (In diesem Video spricht Alexander Müller über das Schulmodell der „Sudbury-Schulen“ – sehr interessant für diejenigen, die sich genauer informieren möchten.)

Hinzu kommt, dass es in unserer Umgebung nur die eine freie demokratische Schule gibt und wir in Punkto Schulwahl keine Optionen haben.

Ich sehe aber auch, dass sich das Schulkonzept, schon nur in diesem einen Jahr, stetig nach den Bedürfnisse aller Beteiligten wandelt. (Beispiel: Essensregeln – erfahre mehr darüber.) Deshalb gilt auch hier einmal mehr: Loslassen und vertrauen! 

Wichtiger als fixe Lernangebote ist für mich aber sowieso die Bereitschaft der Lernbegleiter aus der Schule, mein Kind dann zu unterstützen, wenn es Hilfe einfordert im eigenverantwortlichen Lernprozess. In diesem Punkt erlebe ich die Schule als stark und motiviert und ich weiss, dass ihnen dies ein grosses Anliegen ist. Da wurden so einige Wünsche der Schüler möglich gemacht, wie zum Beispiel die oben erwähnte Biketour an die Ostsee.

Das Hinterfragen gehört dazu

Da ich als Mutter nicht aktiv an der Schule mitarbeite, habe ich keinen Einfluss auf die Entwicklung der Schule (oder nur sehr bedingt). Ich muss also die Entscheidungen der Schulleitung so akzeptieren wie sie sind.

In einigen Punkten gelingt mir das zugegeben besser, als in Anderen. Ich kenne aber ehrlich auch keine anderen Eltern mit Kindern an der staatlichen Schule, die das dortige Schulsystem in allen Punkten zu 100 Prozent befürworten!

Die Schulzeit der eigenen Kinder ist vermutlich immer mit Höhen und Tiefen, gelegentlichem Hinterfragen und Zweifeln und zeitweisem Unzufrieden sein mit gewissen Schulregeln verbunden.

Wir als Eltern haben in der freien Schule jederzeit die Möglichkeit, Themen mit der Schule zu besprechen die uns wichtig erscheinen. Das tat ich in diesem Jahr einige Male und fühlte mich mit meinen Anliegen stets ernst genommen. Andere Entscheide tragen wir aber auch einfach mit und bei ganz vielem entspricht die Haltung der Schule sowieso genau unseren Vorstellungen.

Wir bleiben in der freien demokratischen Schule

Wir sind zufrieden wie es läuft in der Schule und halten am Plan fest, auch unsere beiden jüngeren Kinder in die freie demokratische Schule zu schicken.

Es gab einige Situationen, wo mir bewusst wurde, dass das Erlernen von Sozialkompetenz ein zentraler Punkt in der freien demokratischen Schule ist. Wenn Probleme auftauchten wurden diese von den Lernbegleitern empathisch und menschlich angegangen. Die Kinder wurden als vollwertige Menschen wahrgenommen welche ok sind so wie sie sind. Kids machen mal „Seich“. Das gehört dazu. Es werden aber nicht überall Probleme gesucht, so wie ich es vom staatlichen Schulsystem her mitkriege. „Das Kind ist hier verlangsamt und muss abgeklärt werden… in diesem Schulfach hat es noch Probleme und muss sich steigern“… und so weiter.

Auch in der freien Schule wird problematisches Verhalten der Kinder nicht schöngeredet, sondern mit den Kindern thematisiert. Dies kann aber auf sehr verschiedene Arten und mit unterschiedlicher Haltung dem Kind gegenüber geschehen. Hier erlebe ich unsere Schule als extrem stark.

Mein Sohn entscheidet also auch weiterhin selber wo er sich in der Schule noch verbessern will. Zum Beispiel im Schanzen springen mit dem Bike! Und er braucht dringend ein Buch um Seilknoten zu lernen, hat er neulich verkündet!

freie Schule - Small talk mit VerkäuferinSmall talk mit meinem Sohn

In der letzten Woche der Schulferien war ich mit meinen Kindern in der Stadt unterwegs. Viele Verkäuferinnen sprachen die Kinder an. Solche Gespräche finde ich immer amüsant:

Verkäuferin: „Jetzt sind dann die Ferien bald vorbei. Freust du dich auf die Schule?“

Sohn: „Ja.“

Verkäuferin erstaunt: „In welche Klasse kommst du denn?“

Sohn: „In die Zweite.“

Verkäuferin: „Und welches ist dein Lieblingsfach?

Sohn: „Wir haben keine Fächer in der Schule.“

Ich erklärte dann kurz, dass mein Kind eine freie demokratische Schule besucht wo die Kinder nicht nach Stundenplan, sondern frei lernen. Die Leute kennen das nicht und können sich darunter oft nichts vorstellen. Aber ein Kind, dass sagt es freut sich darauf, dass die Schule nach den langen Ferien wieder anfängt, macht doch ziemlich gute Werbung für die freie Schule, findet ihr nicht? 🙂

unterschrift_svea_wolkenfrei

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freie Schule nach einem Jahr. Ehrlicher Rückblick. Bild für Pinterest.
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2 thoughts on “Ein Jahr freie Schule – Ehrlicher Rückblick

  1. Wie immer, wunderbar zu lesen. Die beschriebene Situation zum Schluss kennen wohl alle Eltern von Kindern in vergleichbaren Schulen. In der Tat interessant wie die Kinder antworten und wie sich die Antworten mit der Zeit wandeln… 😃

  2. Liebe Svea, Danke für die Einblicke in den „Schulalltag“ deines Sohnes. Auch wir haben nach den Frühlingsferien in einen freien Kindergarten gewechselt (geplant ist danach auch Primar & Oberstufe). In der letzten Sommerferienwoche hat mein Sohn immer mal wieder danach gefragt, wann der Kindsgi wieder anfängt und immer kam ein „freudiger Ausruf“ und Hände in die Luft. So schön! 🙂

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