8 Monate Freie Schule – ehrlicher Einblick in das Leben als Freilerner.

Seit Acht Monaten besucht mein Sohn eine freie demokratische Schule in der Schweiz. Kein fixer Stundenplan, kein Prüfungsstress oder Hausaufgaben. Er lernt selbstbestimmt, was ihn interessiert und es darf gespielt werden! Wie läuft es eigentlich im Moment so bei uns in der freien Schule? Hier kommt mein ehrlicher Einblick:

Mein letzter Bericht liegt bereits vier Monate zurück. Was hat sich getan in dieser Zeit? Es läuft gut in der Schule. Mein Sohn (7j.) geht gerne hin und die Zeit vergeht im Flug!

Die freie Schule und ihre Essregeln

Im letzten Artikel (hier) schrieb ich darüber, dass die Esssituation in der Schule für uns eher unbefriedigend war, weil die Essregeln nicht mit meinen Wertvorstellungen übereinstimmten. Ich freue mich nun sehr, dass sich die  freie Schule diesbezüglich folgendermassen neu positioniert hat.

Das Essen ist ein Moment der Gemeinschaft. Das heisst, alle essen gemeinsam und alle kommen an den Tisch. Auf dem Tisch hat es immer Früchte und rohes Gemüse zum Essen. Die Lernbegleiter laden ein und ermuntern die Kinder das Essen vom Koch zu geniessen. Für diejenigen, die sich nicht dazu durchringen können das Menu mit zu essen, hat es neben der Rohkost auch Brot.

Ich bin gespannt wie sich die Situation nun verändern wird, da mein Sohn ja ein „schwieriger Esser“ ist. Es kam aber trotzdem schon vor, dass er am Nachmittag noch Reste vom Menu gegessen hat, welches er beim Mittagessen verschmähte. „Weisst du Mama, ich hatte Hunger und wollte eine Karotte haben, aber der Lernbegleiter sagte, es hätte gerade keine mehr da. Da dachte ich mir, es kann ja nicht so schlimm sein, wenn ich einmal etwas esse, dass ich nicht so gern habe.“

Gäbe es das Schulfach „Essen kosten“ hätte er in meinen Augen den Test mit Bravour bestanden und eine glatte 6 dafür bekommen!

Holzwaffenbau: Die freie Schule ermöglicht steten Nachschub

Auch so ein Dauerthema das mich seit der ersten Schulwoche begleitet. (Wers noch nicht kennt: Hier könnt ihr lesen, wie ich reagierte, als mein Sohn mit seiner ersten Kalaschnikow nach Hause kam.)

Mein Sohn baut mit Hingabe Waffen aus Holz. Während er zuerst sehr viel Hilfe für seine Bauwerke brauchte, bringt er mittlerweile deutlich „unperfektere“ Waffen nach Hause, weil er die Vorlagen dafür nun selber aufs Holz zeichnet und auch selbständig aussägt. Diese Waffen mag ich viel lieber, weil ich die Arbeit und den Prozess darin sehe. Mein Kind, (welches nie besonders gern gebastelt hat) erschafft nun selber etwas. Er überlegt sich, wie die Waffe sein sollte, damit sie möglichst seinen Anforderungen entspricht und versucht sie so genau wie möglich aus dem Waffenbuch abzuzeichnen oder erfindet gleich selber eine. Er bedient die elektrische Säge und schleift die Kanten ab. Zu Hause übt er, etwas detailgetreu abzuzeichnen.

Nach wie vor spielt er zu Hause kaum mit diesen Waffen. Es geht ihm darum, sie einfach zu haben. Am liebsten möchte er sie gut sichtbar, alle nebeneinander an der Wand aufhängen. Zum Glück haben wir dafür keinen Platz …

Holzwaffensammlung welche die freie Schule meinem Sohn ermöglicht
Spielzeugwaffen und Zielscheibe aus Holz

Und das „Schulische“?

Es wird immer schwieriger für mich, den Stand mit den gleichaltrigen Kindern aus der staatlichen Schule zu vergleichen. Ich bin keine Lehrerin, aber vermutlich wäre er nun in einigen klassischen Schulfächern „etwas im Rückstand“. Dies ganz einfach deshalb, weil er sich nicht mit den selben Themen beschäftigt, oder zumindest nicht in der gleichen Art und Weise. Stresst mich das? Ganz ehrlich: Ich habe Momente, wo ich kurz hadere und in alte Gedankenmuster verfalle, wo ich das Gefühl habe, mein Kind bräuchte womöglich einen „Schubs“ in die richtige Richtung, um bei ihm zum Beispiel ein Interesse für die klassische Mathematik zu entfachen. Dann kaufe ich ihm ein Rechnungsbuch von Tiptoi oder sonst etwas, wovon ich denke, es könnte ihn interessieren und animieren, in eine von mir gewünschte Richtung zu gehen.

Zum Glück ist mein Sohn aber so klar und selbstbestimmt, dass er meine schönen Pläne ignoriert und unbeirrt seinem eigenen inneren Plan – seiner intrinsischen Motivation folgt und mir zeigt, dass es nicht DEN EINEN richtigen Weg gibt. Viele Wege führen bekanntlich nach Rom – oder anders ausgedrückt: zum Ergebnis, addieren und subtrahieren zu können.

Und spätestens wenn ich in meinem Umfeld höre, dass die Kinder der 1. Klasse bereits damit konfrontiert sind in einem Schulfach „nicht zu genügen“, von der Lehrperson schlecht bewertet werden, Versagensängste haben, ungern in die Schule gehen oder wenn die Eltern andere Dinge an der Grundschule kritisieren, bin ich wieder erleichtert und dankbar darüber, dass wir unseren Kindern die freie demokratische Schule ermöglichen können und diesen Weg für uns gefunden haben.

Mathematik und Deutsch als Freilerner

Themen wie Mathematik sind bei uns aber trotzdem irgendwie allgegenwärtig, weil mein Sohn von sich aus die Dinge verstehen will. Er will die Zeit lesen können oder wissen wieviel Geld er in seinem Sparschwein hat und was man damit alles kaufen kann. Er weiss, dass ein Meter 100 cm hat, weil wir gemeinsam im Internet recherchiert haben wie gross die ferngesteuerten Flugzeuge sind, für die er sich interessierte. Er will verstehen wie breit die Flügel sind. Neuerdings wird Internetnutzung für ihn immer interessanter: Welche Modelle gibt es alles von Lego Technik? Wo gibt es tolle Spielplätze die wir noch nicht kennen? Wie sieht der Arc de Triomphe in Google Street View aus? Im Internet findet man alles was einem interessiert. Dafür muss man aber Schreiben können und das ziemlich korrekt. So entsteht Motivation, um fehlerfrei Schreiben zu können im Alltag.

Junge zählt Kleingeld, freie Schule
Wie viel Geld habe ich? Mathematik aus dem realen Leben.

Freilerner – Überraschungsmomente

Manchmal kommen sie dann. Kleine Momente, wo ich Einblick in die Gedankenwelt meines Sohnes erhalte und sehe, dass sich im Verborgenen so vieles tut. Er konnte letztens nicht sofort einschlafen und hat angefangen Zahlen aufzuzählen. Da wir im Familienbett (hier) schlafen, hörte ich dies zwar, hab aber zuerst nicht richtig zugehört. Erst beim genauen darauf Achten, hörte ich zu meinem Erstaunen: „5, 10, 15, 20, 25, 30 usw.“ und er zählte auch die Zehnerreihe bis 1000.

Er vergisst auch nicht mehr so viele seiner Sachen in der Schule.

Gerade heute überraschte er mich mit seinem bereits so grossen Verständnis über das Ungleichgewicht auf der Welt. Er zog Vergleiche von unserer westlichen Gesellschaft zu der Situation der Kinder in Afrika oder in Kriegsgebieten. Kinder die arbeiten müssen und denen es schlecht geht, während dem wir hier jederzeit ins Legoland gehen können, wenn uns danach ist. Ich staunte regelrecht.

Solche Momente gibt es immer wieder und es freut mich jeweils unglaublich dies zu sehen. Sie kommen für mich oft überraschend, weil ich nicht nachvollziehen kann, woher er dieses Wissen hat. Es zeigt mir aber jeweils auf, dass wir auf dem für uns stimmigen Weg sind.

Kennt ihr diese Erfahrung? Wie lernen eure Kinder? Welche vielleicht ungewöhnlichen Lernwege habt ihr als Familie beschritten? Kennt ihr auch die Momente des Zweifelns und was unternehmt ihr dagegen?

Fragst du dich wieso wir uns für eine freie demokratische Schule entschieden haben? Hier findest du meine Antwort.

unterschrift_svea_wolkenfrei

Hat dir dieser Text gefallen?

-> Abonniere meinen Blog (kostenlos) und erhalte meine neuen Artikel exklusiv in dein Mailpostfach.

-> Folge mir doch auch auf Facebook oder Pinterest und erfahre was ich sonst noch teile und welche Pins ich sammle.

-> Like, kommentiere und teile gerne meine Artikel – Du verhilfst mir somit zu mehr Sichtbarkeit. Vielen Dank! (Für Kommentare auf dem Handy ganz nach unten scrollen)

Pinterest Pin über die freie Schule und den ehrlichen Rückblick
Merk dir diesen Artikel auf Pinterest.

Published by

Kommentar verfassen