Selbstbestimmte Essregeln für Kinder. Mein Kind entscheidet selbst, was es isst.

Seit gut vier Monaten müssen unsere Kinder nicht mehr „einen Löffel“ vom Essen kosten. Wenn sie etwas nicht essen wollen, bekommen sie eine Alternative. Sie bestimmen frei darüber, was und wieviel sie essen möchten. Hier kommen unsere 7 neuen Richtlinien für entspanntes Essen am Familientisch.

Wie vermutlich viele Eltern haben wir diverse „Strategien“ ausprobiert um unsere Kinder zum Essen von gesunder Nahrung zu animieren. Wer kennt es nicht? „Probier es doch, ich bin sicher, dass du es mögen wirst“ oder „Du darfst erst vom Tisch, wenn du einen Löffel probiert hast“. Manchmal auch: „Wenigstens diesen Teil da im Teller musst du aber noch aufessen“ oder „Wenn du kein Gemüse isst, gibts kein Dessert“. Sogar Sätze wie: „Wenn du jetzt nichts isst, dann gibts aber später dann nichts mehr!“ sind gefallen – Wir haben uns quasi Querbeet durch alle, der zum Teil aus der eigenen Kindheit stammenden Methoden gearbeitet… Das Ergebnis davon war ein Familienessen, dass zum Machtkampf mutierte.

Lange war das garnicht nötig, denn unser erster Sohn war zunächst ein Allesesser. Er hatte fast jedes Gemüse gern und ass auch sonst fast alles Gesunde, dass wir ihm auftischten. Irgendwann, als der kleinere Bruder ebenfalls vom Tisch mit ass, begann sich die Situation zu erschweren. Der Bruder ass mit Vorliebe genau DAS gern, was der Andere nicht mochte und umgekehrt. Es war also so, dass egal was ich kochte, es nur einer von Beiden essen wollte. Der Eine isst die Karotten nur roh, der andere nur gekocht. Der eine isst Tomaten und Peperoni, der Andere hasst es. Der Eine mag gekochten Brokkoli, der Andere nur Blumenkohl. Meine Bemühungen etwas zu kochen, dass alle gern haben, wurden immer öfters ein Reinfall. Aus meinem alles essenden Kind wurde ein sehr kritisches Kind. (Ich esse nur, was ich kenne!) Aus dem zweiten Sohn wurde ein noch kritischeres Kind (um es mal gelinde auszudrücken.) Unsere notgedrungenen, diversen Manipulations- und Erpressungsstrategien machten die Sache auch nicht besser.

Zuletzt war die Situation so verfahren, dass der jüngere Sohn bereits anfing zu protestieren, sobald ich zum Essen rief.

Der ausschlaggebende Punkt: Die freie Schule.

Seit unser ältester Sohn in die freie demokratische Schule kam, war das Essen auch in der Schule immer wieder ein Thema, weil er drei Mal in der Woche in der Schule zu Mittag isst. Es stellte sich heraus (wobei, eigentlich war es ja nicht neu), dass mein Sohn ein „schwieriger Esser“ ist. Er weigerte sich oft das Essen in der Schule zu probieren, weil er sich bereits im Voraus sicher war, dass er es nicht mögen würde. Wir hatten deswegen mehrere Diskussionen mit den Leuten aus der Schule. Es störte mich, dass er in der Schule einen gewissen Druck erfuhr um Essen zu probieren welches er nicht kosten wollte. Ebenfalls gab es manchmal keine Alternative für ihn, wenn er sich weigerte Dieses oder Jenes zu probieren. (Die Schule hat ihre Essensregeln mittlerweile aber angepasst.) Für uns passte das damalige Esskonzept der freien demokratischen Schule einfach nicht zu einer ansonsten so freien Schule. Gleichzeitig setzte bei uns Eltern aber dadurch ebenfalls ein Lernprozess ein, in welchem uns bewusst wurde, dass wir zu Hause auch wegkommen wollen von Druck und dem Machtkampf bezüglich Essen.

Wir stellten also neue Essregeln auf. Selbstbestimmte, freie, kindorientierte Essregeln.

Unsere selbstbestimmten, freien Essregeln.

  1. Kein Tellerservice mehr, sondern alles Essen kommt in Pfannen oder Schüsseln auf den Tisch.
  2. Jeder darf sich selber vom vorhandenen Angebot schöpfen, was und wieviel er möchte.
  3. Wenn nichts dabei ist, dass das Kind essen möchte, gibt es einen (einfachen) Ersatz, wie zB. Brot, Blevita, Joghurt, Käse, Avocado, ein gekochtes Ei ect. Ich koche nicht extra ein zweites Menu, aber niemand soll hungrig bleiben müssen.
  4. Tagsüber steht ein Rohkostteller auf dem Tisch und eine Schale mit gesundem Knabberzeug wie Reiswaffeln, Blevita ect. Hier können sich alle frei bedienen, auch kurz vor oder nach den Hauptmahlzeiten.
  5. Wenn es ein Dessert gibt, dann darf jeder davon haben, unabhängig davon, ob er „genug vom Gesunden“ gegessen hat. (Essen soll keine Belohnung oder Strafe sein.)
  6. Wenn das Kind sich satt fühlt, muss der Teller nicht ausgegessen werden. Selbst dann nicht, wenn das Kind sich selber die Portion geschöpft hat. (Es soll die Möglichkeit haben ein Gefühl für seinen Appetit und die Mengen die es schöpft, zu entwickeln.)
  7. Wer fertig ist mit essen, darf den Tisch verlassen (und räumt seinen Teller ab). Ausnahme: Wenn das Kind Besuch hat, bitte ich meine Kinder am Tisch zu bleiben, bis das Besuchskind auch fertig gegessen hat.

Wir verkündeten den Kindern, dass wir es mal „anders“ ausprobieren möchten. Probeweise. Für drei Monate. Wir waren unsicher, ob es überhaupt funktionieren kann oder ob sich unsere Kinder per sofort ausschliesslich von Brot ernähren würden.

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Selbstbestimmte Essregeln: Das veränderte sich.

Für mich fast das Beste war: Ich kann wieder das kochen, was ICH eigentlich gern habe. Indische Currys mit Kichererbsen, thailändisches Essen, Linsengerichte, Lauch, Gemüsesuppe und vieles mehr! Ich hatte meine Bedürfnisse total zurückgestellt und immer versucht etwas zu kochen, dass den Kindern schmeckt. So kamen Dinge welche beide älteren Kinder nicht gerne essen, garnicht mehr in Frage. Jetzt aber koche ich wieder worauf ich Lust habe und viel abwechslungsreicher. Wenn die Kinder es nicht mögen – Thja, Pech gehabt. Sie sind dann aber mit ihrem Lieblingsessen: Brot, Konfitüre und Gurke auch total happy! Sie sehen jetzt aber wieder eine viel breitere Palette an Nahrungsmitteln und bekommen früher oder später bestimmt von alleine Lust, auch mal zu kosten.

Die Stimmung ist wieder gut beim Essen. Am ersten Tag unseres „Projekts“ reklamierte mein Sohn wie gewohnt, währendem er auf seinen Hochstuhl kletterte, dass er das nicht mag, was in seinem Teller ist. Seine grossen Augen, als er dort wieder erwarten einen leeren Teller vorfand, waren köstlich! Erstaunt verstummte er um sich erst einmal einen Überblick zu verschaffen, was es denn überhaupt zu Essen gab. Eine neue Situation für uns alle.

Zu meinem Erstaunen probieren die Kinder immer mal wieder etwas Unbekanntes. Oft aber auch nicht. Ich mache mir deswegen keinen Druck mehr. Sie spüren was für sie gut ist in dem Moment und essen schlussendlich einigermassen ausgewogen. Es ist mir nicht mehr so wichtig wie Früher. Wenn sie es nicht probieren wollen ist das okay und sie überlegen sich, worauf sie Lust haben. Manchmal sprechen wir uns auch schon vor dem Kochen ab, wer worauf Appetit hat.

Zugegeben: Manchmal fuxt es mich, wenn der Sohn seine ehemals heiss geliebten, gekochten Karotten links liegen lässt und ich sage etwas in Richtung: „Gopf, die gekochten Karotten hast du doch eigentlich gern. Jetz nimm doch ein wenig davon anstatt nur Teigwaren. Die Nährstoffe sind wichtig für deinen Körper…“. Wenn er dann trotzdem nicht will, lass ich es aber gut sein. Ja, es ist nicht so einfach, alte Gewohnheiten los zu lassen…

Im Grossen und Ganzen klappt es aber wunderbar und alle sind viel entspannter und zufriedener. Der jüngere Sohn isst sogar nach und nach wieder von den Lebensmitteln, die er ehemals geliebt hat, aber zwischenzeitlich verschmähte. Freiwillig und ohne Druck von uns Eltern.

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Weil es mir persönlich wichtig ist, dass die Kinder täglich frisches Gemüse und Obst essen, kommt uns der Gemüseteller sehr entgegen. Die geschnittenen Karotten-, Peperoni- und Gurkensticks werden nämlich liebend gerne von den Kids gegessen. Sobald der Teller auf dem Tisch steht, knabbern sie drauf los.

Auch unsere Jüngste, mit ihren 19 Monaten bedient sich fleissig beim Knabberzeug und kann so selbstbestimmt Nahrung zu sich nehmen. Da wir mit ihr BLW (Baby Led Weaning) machen und sie zusätzlich nach Bedarf gestillt wird, ist sie sich sowieso ein selbstbestimmtes Essverhalten gewohnt.

Weil das gesunde Essen den ganzen Tag auf dem Tisch steht, kann sich jeder dann bedienen, wenn er Lust hat. So stört es mich deutlich weniger, wenn die Kinder das gekochte Gemüse später beim Mittagessen verschmähen.

Selbstbestimmte Essregeln: Süssigkeiten.

Süssigkeiten sind noch unser Knackpunkt. Viele Befürworter von selbstbestimmten Essregeln für Kinder regulieren die Süssigkeiten ebenfalls nicht. Einige berichten davon, dass ihre Kinder einen ausgewogenen Umgang mit dem Süsskram haben. Ich bin mir unschlüssig, wie wir das in Zukunft handhaben möchten, weil meine Kinder bisher keinen ausgewogenen Umgang mit Süsskram pflegten. (Wobei sie auch kaum die Möglichkeit hatten, einen selbstbestimmten Umgang zu entwickeln, weil wir es ja reguliert haben.) Ich wünsche mir aber schon sehr, dass sie sich nicht ausschliesslich von Schokolade und Gummibärchen ernähren. Das ständige Entscheiden müssen darüber, ob dem Wunsch nach Süssem nachgegeben wird, oder nicht, widerstrebt mir aber ebenfalls. Hier suchen wir aktuell noch nach einer für uns passenden Lösung. Wer schlaue Ideen hat – immer her damit!

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Selbstbestimmte Essregeln – mein Fazit:

Jede Krise birgt das Potential in sich, daran zu wachsen. Das hat sich bei uns in diesem Punkt bewahrheitet. Die radikale Veränderung hat uns allen gut getan und wir werden die neuen, selbstbestimmten Essregeln so beibehalten. Das Essen verkommt nicht mehr zum Machtkampf, sondern alle essen mit Freude das, worauf sie Lust haben. Manchmal viel, manchmal fast nichts. Beides ist absolut ok.

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2 thoughts on “Selbstbestimmte Essregeln für Kinder. Mein Kind entscheidet selbst, was es isst.

  1. Super, dass du das Thema ansprichst. Es ist ja irgendwie in jeder Familie aktuell… Ich sehe das inzwischen auch gelassen und denke, die Kinder holen sich schon was sie brauchen. Meine Tochter ist z. B. totale Trennkostlerin. Bloß nix vermischen. So isst sie am Liebsten Nudeln pur (oft nicht mal mit Butter), dafür auch gern mal zum Frühstück, wenn was vom Vortag übrig ist. So what, machen die Asiaten ja, auch, oder?

    1. Liebe Britta. Nudeln zum Frühstück! Hmmm.. fein! Nein, Spass bei Seite. Ich kenne das natürlich auch zur Genüge! Bloss keine Sauce dran, sonst wird es nicht mehr gegessen. Bei uns funktioniert wie gesagt der Rohkostteller und Früchte am Besten. Ich habe jetzt schon einige Rückmeldungen bekommen, dass der Gemüseteller als Idee so übernommen wurde und auch dort gut funktioniert, das freut mich natürlich sehr. Danke dass du dir die Zeit für einen Kommentar hier genommen hast!

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