Freie demokratische Schule – Was ist das?

Eine Schule wo die Kinder gerne hingehen und mit Freude lernen – Gibt es das?

Ja, gibt es! Mein Sohn besucht so eine Schule. Hier wird ohne klassischen Unterricht gelernt! Kein Leistungsdruck, keine Klausuren und keine Hausaufgaben. Aber wie verbringen die Kinder stattdessen ihren Schulalltag und wie funktioniert das genau? 

Eine freie Schule kann vieles sein. Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen einer freien katholischen Schule mit Frontalunterricht und einer freien Schule mit einem alternativen Schulkonzept. Das Wort „Frei“ steht in unserer Schule einerseits für die freie Trägerschaft (Privatschule, nicht staatlich finanziert) und für’s Freilernen, weil hier das Freilernen so gut es geht ermöglicht wird.

Freilernen, Unschooling

Freilernen oder Unschooling meint ein vom Kind gesteuertes Lernen. Es gibt also keinen geplanten Unterricht oder bestimmte Zeiten am Tag, die für schulähnliche Aktivitäten vorgeschrieben sind. Themen werden behandelt, wenn das Interesse des Kindes danach verlangt. Die Eltern oder Lehrer werden dabei als Lernbegleiter verstanden.  Beim Freilernen bleiben die Kinder üblicherweise zu Hause oder an einem anderen, frei gewählten Ort (zum Beispiel im Wohnwagen bei Kindern von dauerhaft Reisenden) und sind deshalb nicht an fixe Zeiten gebunden. Sie können ausschlafen oder früh aufstehen, sich in einer Gruppe aufhalten oder sich alleine beschäftigen.  Das Lernumfeld mit dem sie sich umgeben, ist stets frei gewählt. Es kommt vor, dass ein Freilerner in eine Schule geht oder sich einen „Lehrer“ sucht. Im Unterschied zu klassischen Schülern, ist es dem Freilerner jedoch freigestellt, den Unterricht jederzeit wieder zu verlassen, ohne rechtliche Konsequenzen zu befürchten.

Schulpflicht

Im Gegensatz zu Ländern wie zum Beispiel Frankreich oder Portugal, ist das Freilernen wegen der sogenannten Schulpflicht in der Schweiz per Gesetz verboten. Je nach Wohnkanton besteht die Möglichkeit von Homeschooling (Unterricht zu Hause). Hierfür gelten in beinahe jedem Kanton andere Richtlinien. In einigen Kantonen muss ein Elternteil das Lehrerdiplom haben um eine Bewilligung zu erhalten, in anderen Kantonen steht Homeschooling allen Familien zu. Wie Homeschooler vom Staat „überprüft“ werden und ob die Kinder eine jährliche Prüfung ablegen müssen, ist ebenso nicht einheitlich geregelt.

Freilernen in einer Schule?

Die freie demokratische Schule welche mein Kind besucht, ermöglicht das Freilernen im Schulrahmen. Ein Wiederspruch in sich? Jein. Als staatlich anerkannte Schule, gelingt ihr der Spagat zwischen dem Einhalten des Schweizer Gesetzes und der Ideologie des Freilernens, sehr gut. Das heisst, es gibt zwar eine Anwesenheitspflicht, jedoch mit späterem Schulbeginn als in staatlichen Schulen üblich und mit einer Einlaufszeit. Auch sind die Kinder von rund 50, nicht selbst gewählten, Schulkindern umgeben. Ansonsten steht es den Kindern aber frei, mit welchen Themen sie sich beschäftigen wollen. Es gibt keine Bewertung oder Erwartung im Sinne von: Mathematik ist wichtiger als das Klettern auf Bäume.

Es gibt immer wieder verschiedenste Lernangebote welche bei Interesse der Kinder genützt werden können. Haben die Kinder Wünsche oder spezielle Interessen, scheut die Schule keinen Aufwand, um diese zu stillen oder Wege zu suchen. Natürlich im Rahmen des Möglichen und sofern es finanziell tragbar ist. Ich erlebe die Schule als offen und in stetem Wandel. Es muss nicht so bleiben, weil es „schon immer so war“. Dies stimmt mich zuversichtlich, dass es für alles eine Lösung gibt. Selbst dann, wenn etwas vielleicht zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht optimal ist.

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Photo by pan xiaozhen on Unsplash

Die vier Grundpfeiler unserer freien demokratischen Schule:

Laut schulen-der-zukunft.org sind folgende vier Erfahrungsbereiche für Schülerinnen und Schüler hilfreich, damit Potenzialentfaltung an Bildungseinrichtungen möglich wird. In unserer Schule werden diese Erfahrungsbereiche nicht nur gross geschrieben, sondern sichtbar gelebt!

• Eine hohe Beziehungskompetenz der Lehrpersonen, sodass die Würde und Integrität aller beteiligten Menschen geachtet und geschützt wird.

• Eine Kultur, welche stärkenorientiert ist, wo Lernen mit Freude und Begeisterung stattfinden kann, und die Erkenntnisse der Hirnforschung berücksichtigt werden, so dass Kinder und Jugendliche an Aufgaben wachsen können, welche die Neugierde und die Lust am Lernen erhalten.

• Die Befriedigung primärer Lebensbedürfnisse und Gelegenheiten, sich als Teil der Natur und einer Gemeinschaft wahr zu nehmen. Wenn Kinder und Jugendliche sich aufgehoben fühlen und sich für eine Gemeinschaft als wertvoll erleben, entstehen weniger kompensatorische Sekundärbedürfnisse.

• Das Raumbieten für eigene Interessen und Begabungen von Kindern und Jugendlichen und das Fördern von Eigenaktivität und Selbstwirksamkeit, sodass sie statt zu Befehlsempfängern, zu Gestaltern ihres Lernens und Lebens werden.

Ihr fragt euch, wie das im Schulalltag konkret aussieht?

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Photo by Patricia Prudente on Unsplash

Was tun denn die Kinder in der Schule, wenn sie nicht „lernen“ müssen?

Naja, sie lernen eben trotzdem. Aber auf verspielte und vielfältigste Weise. Sie lernen ohne das Gefühl zu haben, dass sie lernen. Sie lernen an Vorbildern oder sie fragen Jemanden. Sie beobachten. Sie sind interessiert und holen sich die Informationen die sie brauchen. Um sich ein Bild davon machen zu können, wie das konkret aussehen kann, kommt hier eine willkürliche Auflistung von Aktivitäten an unserer freien demokratischen Schule. Selbstverständlich OHNE Anspruch auf Vollständigkeit!

Die Kinder spielen und lernen dabei, wie man Probleme löst. Sie erstellen eine Schülerzeitschrift mit Berichten, Sudokus, einem Interview mit einem Tätowierer und Fotos von allen Schülern und Lernbegleitern. 

Sie klettern, rennen, bauen Kissenburgen. Sie üben mit einem Lernbegleiter, wie man Bewerbungen schreibt. Sie reissen gemeinsam mit Erwachsenen einen alten Schopf ab, weil dort etwas Neues auf dem Areal gebaut werden soll. Sie spielen Gesellschaftsspiele und lernen dabei ganz nebenbei Zahlen kennen, Spielregeln einhalten, gewinnen und verlieren.

Sie spielen Fussball. Sie gehen ins Musikzimmer und spielen auf verschiedenen Instrumenten. Sie üben einen Tanz ein und führen diesen vor Publikum vor. Sie renovieren gemeinsam einen Zirkuswagen. Sie schmieden Schwerter. Sie machen Ausflüge und gehen gemeinsam ins Lager. Sie sprechen englisch oder französisch mit den Lernbegleitern.

Sie feiern Geburtstage mit einem speziellen Geburtstagsritual. Sie diskutieren mit den Lernbegleitern über Aktuelles aus der Zeitung. Sie machen ein Praktikum in einem Betrieb der sie interessiert. Sie spielen „Schule“ in der Schule und geben einander spielerisch Hausaufgaben und Noten. Sie halten Vorträge über Themen die sie interessieren. Sie organisieren einen Vortrag von einem Profi zu einem Thema einer aktuellen Volksabstimmung.

Sie programmieren am Computer selbst ein Spiel. Sie erfinden eine Maschine, welche die Schultüre selbständig schliesst. Sie bauen eine Verkehrsampel die automatisch von Rot- auf Grünlicht wechselt, weil es einige Kinder gestört hat, dass Alle mit ihren Fahrrädern Kreuz und quer auf dem Schulhof herumgefahren sind. Sie kaufen mit dem Lernbegleiter ein Buch zu einem Thema, dass das Kind interessierte, es aber in der Schulbibliothek noch kein passendes Buch dazu hatte. Sie üben Weihnachtslieder.

Sie basteln, malen, zeichnen, gestalten. Sie machen Schneeballschlachten, bauen Iglus oder Schneemänner oder gehen gemeinsam schlitteln. Sie verbringen einen ganzen Tag pro Woche im Wald und kochen dort Mittagessen auf dem Feuer. Sie streiten und machen Frieden, suchen Lösungen. Sie spielen Coiffeursalon. Sie spinnen Garn auf einem alten Spinnrad.

Sie schreiben freiwillig Klausuren, weil sie an eine weiterführende Schule aufgenommen werden wollen. Sie rechnen, schreiben und lesen. Sie tragen ihre Anliegen in der demokratischen Schulversammlung vor. Sie stimmen demokratisch ab.

Sie nutzen vorhandene Lernangebote wie zum Beispiel einen Handarbeitskurs, Programmierkurs oder Waffenbaukurs – oder sie lehnen das Angebot ab, weil sie daran kein Interesse haben. Sie drehen einen Kurzfilm und veranstalten eine Filmpremiere in einem richtigen Kino. Sie bauen ein Baumhaus im Wald. Sie lernen eine elektrische Säge zu bedienen. Sie nutzen den Computer als Werkzeug. 

Ich könnte diese Liste noch viel viel länger machen. Das Eindrückliche daran finde ich, dass die Kinder dies alles tun, weil sie selber es wollen. Niemand drängt sie dazu einen Vortrag zu halten, dennoch tun sie es. Freiwillig, aus Freude und mit Begeisterung! Das macht nicht nur mehr Spass, sondern der Lerneffekt ist deutlich nachhaltiger! Studien ergaben, dass bei Schulabgängern der staatlichen Schule, zwei Jahre nach Schulabschluss, nur noch 5 – 10% des Schulstoffes aus der gesamten Schulzeit, als gespeichertes Wissen vorhanden ist! Das heisst, es werden 90- 95 % schlichtweg wieder vergessen… Interessant und erschreckend zugleich, wie ich finde!

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Darum gehen unsere Kinder in diese Schule!

Wir sind sehr glücklich darüber, dass wir unseren Kindern den Besuch einer solchen Schule ermöglichen können. Wir sind überzeugt, dass dies für ihre Entwicklung wichtig ist. Wir erhoffen uns davon, dass sie gern in die Schule gehen, ihre Neugier und ihre Freude am Lernen und Entdecken erhalten bleibt und dass sie eine selbstbestimmte, glückliche Schulzeit verbringen. Wichtig erscheint uns zudem, dass sie zu selbstbewussten, sozialen, eigenständigen und optimistischen Erwachsenen heranwachsen, welche wissen, was sie wollen und können. Mit diesen Voraussetzungen  sind sie in der Lage, klare Entscheidungen zu treffen und ihren ganz eigenen Weg zu gehen.

Uns ist bewusst, das dies nicht alleine von der Schulform abhängig ist, sonder viele verschiedenen Faktoren dazu beitragen werden. Trotzdem sind wir überzeugt, dass die Schulwahl eine entscheidende Komponente sein kann.

Willst du noch mehr über die Vorteile von freien demokratischen Schulen erfahren? In diesem Artikel (Vorteile – Darum besucht mein Kind eine Freie demokratische Schule) habe ich 15 Vorteile aufgelistet, die eine freie demokratische Schule im Vergleich zu den staatlichen Schulen hat.

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2 Antworten auf „Freie demokratische Schule – Was ist das?

  1. Vielen Dank für diesen interessanten „Bericht“. Ich bin schon gespannt auf die Updates 🙂
    Bei uns hat das Thema Schule noch ein bisschen Zeit und wir streben (zumindest aktuell ;)) eine übliche Schule an. Dennoch lese ich gern über andere Formen – aus Interesse und als mögliche Option, falls sich herausstellt, dass Plan A doch nicht zu uns passt.

    Ich habe Deinen Blog erst heute entdeckt und ein bisschen gestöbert. Auch mir ist die Länge und Ausführlichkeit Deiner Texte aufgefallen – positiv! Mir fehlt das insgesamt sehr und ich bin für jeden nicht oberflächlichen Beitrag dankbar. Ich hoffe noch viel von Dir zu lesen 🙂

    Liebe Grüße aus Berlin

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Prinz von Moabit. Herzlichen Dank für dein Feedback zu meinen Artikeln! Es freut mich wahnsinnig, dass du dir die Zeit genommen hast, mir eine positive Rückmeldung zu geben! Schön, dass ich dir einen Einblick in andere Schulformen ermöglichen kann. In Berlin gibt es, soviel ich weiss, einige freie Alternativschulen und es lohnt sich bestimmt, sich genug früh mit dem Thema auseinander zu setzen. Herzliche Grüsse, Svea

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