Kein Thema – Warum es in der freien Schule kein „Thema“ braucht aber irgendwie doch oft eines hat.

Mein Kind besucht eine freie demokratische Schule. Das heisst: Kein Unterricht, kein Leistungsdruck, keine Prüfungen oder Hausaufgaben. Dafür viel Spielen, interessengesteuertes, freies Lernen und ein demokratisches Schulkonzept. Die Kinder beschäftigen sich ausschliesslich mit den Themen welche sie interessieren. Es gibt also kein „Thema“ an dem alle gleichzeitig arbeiten. Wobei – manchmal eben doch … aber anders! Lest am Besten gleich selbst von den Mäusen und den Vögeln.

Smalltalk unter Kindern:

Eine Zweitklässlerin aus der staatlichen Schule fragt meinen Sohn: „Was habt ihr für ein Thema in der Schule?“ Mein Sohn so: „Ähm… wir haben kein Thema.“ Sie wieder: „Wir haben das Thema Vogel in der Schule. Wir bauen ein Vogelhaus und lernen was die Vögel fressen, aber ich finde es nicht so spannend. Wieso habt ihr kein Thema?“

Ich schmunzle vor mich hin und habe plötzlich einen Gedankenblitz: „Maus! In der freien Schule haben sie gerade das Thema Maus!“

Es haben sich nämlich Mäuse im Vorratsraum der freien Schule einquartiert. Es wurden Lebendfallen aufgestellt und die eingefangenen Mäuse nach ausgiebigem Bestaunen im Wald freigelassen.

Einige Jungs, darunter auch mein Sohn, haben daraufhin Protest eingelegt! Es sei ungerecht, die Mäuse einfach rauszuwerfen, diese wollten doch auch etwas zu Fressen haben. Es entstanden rege Diskussionen, worauf hin entschieden wurde, für die Mäuse draussen ein Plätzchen mit artgerechtem Futter einzurichten. Zwei neue Bücher zum Thema Mäuse zogen in die Schulbibliothek ein und die Kinder erfuhren, weshalb es nicht möglich ist, das Schulzimmer mit den Mäusen zu teilen. (Gefahr der Übertragung von Krankheitserregern, Verunreinigung von Lebensmitteln sowie Vorräten, Beschädigung von Schulmaterial durch Anfrass usw.)

Ich wage jetzt mal zu behaupten, dass mein Sohn über die Maus bestimmt genau so viel gelernt hat, wie die Zweitklässler über den Vogel.

Wo liegt jetzt also der Unterschied?

vogel_thema_freie_schuleBegeisterung und Freiwilligkeit

Womöglich gab es in der freien Schule einige Kinder die von dem kleinen Mäuseaufstand gänzlich unbeeindruckt blieben. Diese Kinder haben irgend etwas anderes gemacht in dieser Zeit, wo mein Sohn voller Eifer für das Recht der Mäuse kämpfte. Und das ist ein Unterschied. Die Themen in der freien Schule sind freiwillig.

Es müssen sich nicht alle Kinder mit dem Thema Maus beschäftigen, sondern nur die, welche sich aus irgend einem Grund für das Thema interessieren oder gar begeistern. Wo ein Thema emotional aufgeladen ist, dort wird spielend leicht gelernt. Es ist spannend, man ist motiviert und voller Tatendrang! Man kommt in den Flow!

Wenn die Euphorie später vorüber ist, muss das Thema, anders als in der normalen Schule üblich, nicht zwingend „noch beendet“ werden, sondern man wendet sich etwas zu, dass einem aufs neue begeistert. Vielleicht kommen später dann nochmals Fragen zu diesem Thema auf, oder eben nicht.

Ein Thema muss nicht von A-Z durchgeackert werden, und niemand sagt einem was für dieses Thema nun alles wichtig ist. Wir Erwachsenen haben da ja oft eine Vorstellung, was man denn, wenn schon, über die Maus alles wissen sollte. Vielleicht: Welche Arten gibt es? Wo liegen die Unterschiede? Was fressen Mäuse? Eventuell könnte man noch eine Maus basteln? Oder zumindest zeichnen? Oder noch besser: alle Körperteile benennen können?  Jeder hat hier vermutlich eine andere Vorstellung davon, was denn alles zu so einem „Thema“ dazugehören würde. So auch unsere Kinder.

Mein Sohn will bestimmt keine Maus zeichnen oder basteln! Er will sie sehen, im Käfig! Und er versetzt sich in sie hinein und möchte, dass es der Maus gut geht und sie genug zu Fressen hat. Wie toll ! Zeichnen tut er lieber Superhelden.

Müssen die Kinder entgegen ihren eigenen Interessen etwas lernen oder zu Ende bringen, bleibt oft nicht viel vom Lernstoff „hängen“, es ist langweilig und oft schlicht verschwendete Zeit.

maus_batman.jpgAus dem Leben

Weil die Themen in der freien Schule aus dem realen Leben entstehen, sind sie sehr praxisbezogen und alles was für das aktuelle Problem oder die aktuelle Frage benötigt wird, wird gelernt. Freiwillig und motiviert, weil es ja vom Kind aus kommt.

Wenn ich selber wissen will, wie ich einen Reissverschluss in eine selbst genähte Kinderjacke nähen muss, weil ich gerade damit beschäftigt bin, eine Kinderjacke zu nähen, dann ist es mir auch ziemlich egal, wie die einzelnen Teile des Reisverschlusses oder der Nähmaschine heissen und ich will im Normalfall auch keine Zeichnung davon machen, sondern lediglich wissen, wie ich diesen Reissverschluss an die Jacke kriege.

Wenn ich aber nicht mal weiss, wie ich eine Nähmaschine einfädle oder die Nähmaschine nicht bedienen kann, dann muss ich halt einen Lern-Umweg über die Basics machen, damit ich schlussendlich den Reissverschluss einnähen kann.

So ist es auch in der Schule. Manchmal genügt es, sich das Wissen zur Problemlösung anzueignen um ein Problem zu lösen. Manchmal hingegen muss man dafür etwas weiter ausholen und zuerst andere Dinge lernen, bevor das eigentliche Problem schlussendlich gelöst werden kann. Und manchmal interessiert das Thema sogar so stark, dass freiwillig noch alles Mögliche dazugelernt wird, obwohl das Wissen für die Problemlösung nicht nötig wäre.

Vogel vs. Maus – das wars jetzt?

Neben den Fakten über die Maus lernte mein Kind zudem noch einiges mehr, nämlich:

-Ich kann etwas bewirken.

-Ich werde gesehen und ernst genommen.

-Meine Meinung ist wichtig.

-Gruppendynamik in der Mäuseretter-Jungsgruppe. Wie fühlte ich mich dabei? Was lerne ich daraus?

-Wie schliesst man einen Kompromiss.

-ect.

 

Ich freue mich immer wenn ich sehe, dass mein Sohn ganz in ein Thema eintaucht. Es macht mir Spass zu beobachten welche Themen er wählt und wie sich dann daraus neue Themen entwickeln. Er kann so seinen eigenen Weg gehen, seine eigenen Umwege machen und er wird schlussendlich trotzdem alle Fähigkeiten gelernt haben, die er braucht um sein Leben erfolgreich und selbständig zu meistern.

Soviel von mir zum Thema: „Kein Thema“ 🙂  Wie denkt ihr darüber? Ich freue mich wie immer über eure Kommentare. (Für Kommentarfunktion auf dem Handy ganz nach unten scrollen.)

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2 Antworten auf „Kein Thema – Warum es in der freien Schule kein „Thema“ braucht aber irgendwie doch oft eines hat.

  1. Ja dieses Thema ist tatsächlich das, was mich an der Regelschule etwas abschreckt 😝 „jetzt! Wird das gelernt“. Und doch dann wieder die „angst“, ob dann in der freien Schule gelernt wird, was erlernt sein sollte (wobei ich genau das auch soo doof find, wer bestimmt das? Die Wirtschaft!?). Ein zwiespalt in mir, den kennst du ja vielleicht auch 🙃 aber schön zu lesen, dass interessen bezogen gelernt wird 👍🏼

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    1. Liebe Ewa. Ich kenne den Zwiespalt den du beschreibst ebenfalls sehr gut! Weil mein Kind erst in der 1. Klasse ist, kann ich dazu auch noch nicht viel aus eigener Erfahrung sagen, wobei ich es schon sehr spannend und beruhigend finde, dass mein Sohn sich das Lesen selber beibringt und das in Etappen, also nicht stetig jeden Tag, sondern eben nur wenn er gerade Lust hat. Mir half es auch Geschichten von Schulabgängern anderer freien Schulen zu hören und zu sehen, dass es dort bestens funktioniert hat. Spezifische Wissenslücken können auch später noch aufgeholt werden, wenn das Leben dies erfordert, wobei ich glaube, dass das wirklich Wesentliche wie Rechnen, Schreiben und Lesen ganz bestimmt von alleine kommt. Ganz einfach weil das Leben einfacher und interessanter wird, sobald man im Internet selber was nachlesen kann, oder den Rabatt auf die Lieblingsjeans berechnen kann usw.

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