4 Monate freie Schule – Wie läuft es eigentlich so?

Mein bisher erfolgreichster Artikel ist der Vorgänger von diesem hier. Ein Monat freie Schule – Wie läuft es eigentlich so? Wieso gerade dieser Artikel bei euch so beliebt ist? Wissen tu ich es nicht, aber ich vermute es liegt daran, dass ich ankündigte, dass es auch Negatives zu berichten gibt. Das interessiert doch heutzutage die Leute, nicht? Nun gut – um bei meinem Erfolgskonzept zu bleiben: Hier folgt also mein Update nach vier Monaten – und ja, auch dieses Mal gibt es Negatives.

Wie läuft es denn so in der freien Schule?

Die Weihnachtsferien sind schon fast vorbei – Zeit für einen kleinen Rückblick:

Mein Sohn geht gerne in die Schule! Das ist für mich das Wichtigste. Er muss nicht die nächsten Jahre seiner Kindheit an einem Ort verbringen, wo er lieber nicht sein möchte.  Er muss nicht Dinge lernen, die ihn zu diesem Zeitpunkt nicht interessieren, sondern beschäftigt sich mit genau den Dingen, die ihn aktuell interessieren! (Natürlich auch dann, wenn das nicht unbedingt diese Themen sind, die man sich als Eltern im optimalen Fall wünschen würde.. Wie zum Beispiel das stetige Bauen von neuen Holzwaffen- aber nun gut, darüber habe ich hier bereits ausführlich berichtet.)

Ich würde grob schätzen, dass er im schulischen auf dem selben Stand ist, wie seine ehemaligen Kindergartenfreunde welche nun die 1. Klasse im Dorf besuchen. Er schreibt – zwar meistens nur wenn er wütend ist und dann nicht unbedingt die nettesten Dinge, aber er hat sich jedenfalls das Schreiben selbst beigebracht. Wie aus dem Nichts sind nun auch die kleinen Buchstaben dazu gekommen. Plötzlich konnte er sie einfach…

In der Mathematik weiss ich es nicht so genau. Ab und zu frage ich eine befreundete Mutter, was ihr Kind in der Schule so macht – mit der vagen Idee daraus irgendwelche Schlüsse ziehen zu können, ob mein Sohn diese Aufgaben wohl lösen könnte oder nicht. Natürlich ist das Schwachsinn. Beim Freilernen geht es ja gerade darum, dass eben NICHT alle Kinder zur selben Zeit am gleichen Ort stehen müssen. Trotzdem gab es bis jetzt für mich keine Anzeichen dafür, in Panik auszubrechen. Ich glaube daher, dass es soweit gut läuft…

Aber klar, es ist nicht alles rosarot! Wie immer gibt es auch einen Einblick in das Negative! Aber lest selbst.

Irgendwie doch noch neu alles…

Ich spüre, dass wir auf der einen Seite zwar sehr im normalen Schulalltag angekommen sind und sich eine gewisse Routine eingespielt hat. Auf der anderen Seite stellen sich mir aber aktuell auch einige Fragen, wo ich mir bewusst werde, dass wir in diesem System eben doch immer noch „neu“ sind und mir vieles noch unklar ist. Oft fehlt mir die Erfahrung und der Austausch mit den Betreuungspersonen oder mit anderen Eltern.

Ich war schon immer so, dass ich mir erst im Gespräch vielem bewusst werde. Ich brauche den Austausch um zu verstehen und mir klar zu werden, was ich selber denn wirklich darüber denke. Hier fehlt mir das. Ich kenne die anderen Eltern noch nicht und Austausch findet meist garnicht oder nur oberflächlich statt. Das Wissen, dass es in ein oder zwei Jahren womöglich anders sein wird, nützt mir aber hier nicht weiter. Ich müsste den Kontakt mehr suchen und ich könnte auch jederzeit einen Schulbesuch machen oder ein Gespräch wünschen. Im Alltag mit meinen beiden jüngeren Kindern ist das jeweils mit Organisation verbunden welche ich bisher wohl noch zu wenig auf mich genommen habe. Ich verbrachte einen Mittwochmorgen in der Schule – beim Geburtstagsritual meines Sohnes, und wir führten ein Elterngespräch mit seiner Bezugsperson , es gab einen Elternabend mit anschliessendem Apéro und das wars.

Vermutlich wäre das in der Staatsschule nicht anders verlaufen, aber durch die Gespräche mit den befreundeten Eltern aus dem Dorf, hätte ich mir bestimmt ein umfassenderes Bild machen können.

Hier muss ich selber aktiv werden und habe es bis jetzt noch nicht geschafft.. Ich fühle mich manchmal ein wenig allein auf weiter flur.

Zumal es seit Längerem ein Thema gibt, dass mich beschäftigt, teilweise verunsichert und manchmal sogar ärgert.

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Allein auf weiter flur – so fühle ich mich manchmal.

Bildquelle: pixabay.com

Essregeln

Die Essenssituation in der Schule ist aus meiner Perspektive unbefriedigend für meinen Sohn. Am Esstisch gelten nicht die gleichen Regeln wie zu Hause und es gibt nicht das gleiche Essen (logisch). Mein Sohn ist offenbar ein „schwieriger Fall“ was das Essen probieren angeht. Er sagt oft: „Das hab ich nicht gern“ obwohl er es nicht probiert hat.

Ich habe mir viele Gedanken dazu gemacht und das Problem in der Schule war für uns Anlass, unsere Essregeln zu Hause neu zu überdenken. Muss das Essen wirklich probiert werden? (Probierlöffel) Warum gibt es nur ein Dessert, wenn man vom „Gesunden“ gegessen hat? Könnte das Gemüse auch als Snack zwischendurch in Form von Rohkost gegessen werden, anstatt bei den Hauptmahlzeiten darauf zu bestehen, dass vom gekochten Gemüse gegessen wird? Wieviel Selbstbestimmung in Punkto Essen steht einem Kind zu? Wir haben für unsere Familie neue, freiere Essregeln definiert und testen das nun drei Monate, bevor wir daraus ein Fazit ziehen wollen.

Uns wurde klar, dass wir das mit der Schule nochmals thematisieren wollen. Zum einen, um mögliche Missverständnisse auszuräumen und zum anderen, um unseren Standpunkt mit der Schule erneut zu besprechen. (Auch beim ersten Gespräch mit der Bezugsperson war das Thema Essregeln bereits ein Punkt.)

Läuft also noch nicht ganz so optimal, aber wir sind doch recht zuversichtlich, dass das „Problem“ lösbar ist.

Kein Platz

Die Schule meines Sohnes wächst stark. Das ist gut, denn es bringt Leben in die Schule, mehr Auswahl bei den Spielkameraden, mehr verschiedene Einflüsse. Doch der Platz wird definitiv zu eng! Im Sommer weniger problematisch als jetzt im Winter, wo es draussen kalt ist und viele Kinder sich die Räume teilen. Die Suche nach einer neuen, grösseren, passenden Bleibe war bisher leider erfolglos. Wir wussten dies, als wir uns für die Schule anmeldeten und ich glaube meinen Sohn stört das bisher nicht wirklich. Ihr könnt euch aber einfach nicht vorstellen, welche Kleidungsstücke unser Kind fast täglich in der Schule vergisst, weil es keinen Platz hat für eine genug grosse Garderobe, wo jeder sein „Plätzchen“ hat. Aktuell ist es deshalb wohl auch nicht mehr so gut möglich, dass die Kinder sich zurückziehen können, um „in Ruhe“ an etwas zu arbeiten. Doch auch hier sind wir sehr hoffnungsvoll, dass sich dies deutlich verbessert, sobald ein grösseres Objekt bezogen werden kann.

Spielen

Es wird gespielt den ganzen Tag! Die Welt wird gerettet oder Panzer werden gebaut. Monster werden gejagt und Handgranaten selber ausgesagt. Ab und zu spielt mein Sohn wohl auch ruhigere Spiele wie Brettspiele aber meistens lebt er seine Fantasie in wilden Rollenspielen aus. Nicht selten kommt er daher auch mit irgend einer Schramme oder Prellung nach Hause. (Vom Hochbett gefallen, in eine gespannte Schnur gerannt, Dreckklumpen an den Kopf geknallt bekommen und so weiter.) Ganz zu schweigen von den zerrissenen Hosen. Es rendiert fast nicht mehr Knieplätze aufzunähen, weil die Hosen einfach überall „durch“ sind und an allen möglichen Stellen löchrig werden. Da wäre das am Pult sitzen bestimmt hosenfreundlicher 🙂

Es wird mit vollem Körpereinsatz gearbeitet in der Schule. Herrlich war eine Szene die ich neulich beim Abholen aus der Schule beobachtete:

Es ist der erste Tag mit Schnee und die Kinder kommen aus dem Wald zurück. Ein Junge läuft mir komplett nass und frierend entgegen. Ein Kind ruft ihm zu: „He, Frank* hast du gebadet?“ worauf dieser antwortet: „Ja und ich habe erst jetzt gemerkt, dass das eine blöde Idee war!“

Ich musste schmunzeln. Wo kann ein Kind heutzutage noch diese Erfahrung machen? Frank* hat was für sein Leben gelernt. Wir Eltern möchten unsere Kinder ja stets vor unangenehmen Erfahrungen bewahren. Aber eigentlich ist es doch auch toll, eigene Erfahrungen zu machen und wie Frank* dann zu merken: „Hmm.. war eine blöde Idee – mache ich nicht wieder.“ Es geht nicht darum zu romantisieren und den Kindern gar keine Grenzen zu setzen, aber in diesem Fall wurde der Junge mit den Ersatzkleidern neu eingepackt, vom Vater abgeholt und zu Hause bestimmt in ein warmes Bad gesteckt. Nichts weiter passiert.

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Dreckiges Kind aus der freien Schule nach dem Waldtag 🙂

Auch mein Sohn kam an diesem Tag so aus dem Wald zurück. Er lernte daraus: Dass Skibekleidung mega schwer wird, wenn sie voll Schlamm ist und dass man dann nicht mehr so gut damit laufen kann! Ihr könnt euch vorstellen wie das Auto anschliessend aussah 🙂

Das totale Chaos?

Es könnte jetzt wohl der Eindruck entstehen, dass in dieser freien Schule das totale Chaos herrscht. Nun ja, auch wir Eltern haben manchmal diesen Eindruck und es ist bestimmt viel chaotischer – oder lebendiger (?) als in der staatlichen Schule. In Wirklichkeit schauen aber die Betreuer und Lehrpersonen sehr wohl auf jedes Kind individuell und versuchen zu realisieren, welches Kind jetzt was braucht. Davon bin ich überzeugt. Weil es täglich mehrere Betreuungspersonen vor Ort hat, ist die Chance auch grösser, dass immer jemand zur Verfügung steht, wenn es Jemanden braucht.

Mein Fazit:

Ich bin im Grossen und Ganzen zufrieden. Vor allem bin ich zufrieden, dass es meinem Kind in der Schule gut geht. Die anfängliche Euphorie die wir vor dem Schulstart hatten, hat sich mittlerweilen aber doch auch mit einer gehörigen Portion Realität vermischt. Mit diesem Mix können wir gut leben, aber uns wird klar, dass es wohl nirgends perfekt sein wird oder werden kann.

Ich mache daraus aber nicht die Schlussfolgerung, dass es folglich egal ist, in welcher Schule das Kind ist, weil es ja sowieso nirgends perfekt ist. Nein. Die mir wichtigen Grundpfeiler wie Vertrauen ins Kind, mit den eigenen Interessen gehen, Lernen aus intrinsischer Motivation und mit Begeisterung, grösstmögliche Freiheit, Schwerpunkt auf dem Sozialverhalten, Demokratie, Stärkung des Selbstvertrauens und viele mehr, werden an unserer Schule gross geschrieben und das überzeugt mich nach wie vor und ich zweifle keine Sekunde, ob wir nicht doch besser unsere Kinder in die staatliche Schule hätten schicken sollen. Trotz diesem unperfekten Fazit.

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Namen mit * sind geändert.

 

 

 

 

 

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2 thoughts on “4 Monate freie Schule – Wie läuft es eigentlich so?

  1. Nicht zu vergessen: wenn alles glatt laufen würde und zu allgemeiner Zufriedenheit, gäbe es nicht die Diskussionen und Konflikte, an denen Dein Kind sozial wachsen kann.
    Und Ihr als Eltern gleich mit.

    Wir wünschen uns manchmal auch, dass mal X passiert, und dann alles (von uns prognostiziert) viel runder läuft. Und dann dauert es noch ein Jahr, bis die Schulgemeinschaft X ausprobiert. Und möglicherweise läuft das dann auch alles runder, oder Y wird ausprobiert, und ist besser. Oder schlechter. Oder so richtig grottig, und es wird wieder zu V gewechselt. Aber der wahre Schatz ist, wie die Schulgemeinschaft da hinkommt. Gedanken, Ideen, Diskussionen, Teams, Interessengruppen …

    … und dann muss ich als Mutter auch mal aushalten, dass es Situationen gibt, die für mein Kind echt sch*** sind. Wenn mein milchunverträgliches und deshalb kein Käsebrot essendes Kind sein Wurstbrot nur noch im Garten essen darf, weil die Vegetarierfraktion sich gerade durchgesetzt hat, Fleischessen indoor zu verbieten. Im Vertrauen darauf, dass es sich wehren wird. In der nächsten Schulversammlung, in der das geändert werden kann. Und dabei was lernen. Oder es wird möglicherweise mal einen Aufstrich probieren, zumindest für die zwei Wochen, bis der neue Antrag gestellt werden darf. Wer weiß.

    Checkliste: Hab ich
    – Geduld?
    – Humor?
    – Vertrauen ins Kind?
    – Vertrauen in die Schule?
    OK, dann kann der Schultag ja losgehen!

    1. Hallo Babo. Vielen Dank für deinen Kommentar. Es tut gut ihn zu lesen. JA, du hast natürlich recht. Mein ältester Sohn ist in der Schule, die anderen zwei sind noch kleiner und ich muss zugeben, dass mir das loslassen und Vertrauen nicht immer leicht fällt. Ich übe mich noch daran könnte man wohl sagen… Deine Checkliste für den Schultag ist grandios! Danke dir dafür! 🙂

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