Kann man Freilernen planen?

Kann das freie Lernen geplant werden? Ja, es kann schon – nur funktioniert es meistens nicht. Jedenfalls bei uns. Ich zeige anhand unserer Frankreichferien auf, wie das so geklappt hat mit den Vorstellungen vs. Realität…

Grundsätzlich möchte ich dazu Folgendes sagen: Es wird immer gelernt. Bei jeder Aktivität wird irgend eine Fähigkeit eingeübt. Manchmal ist von aussen unklar was das ist, aber oft wird es im Nachhinein (manchmal vielleicht erst Monate später) sichtbar. Sogar eine Verweigerung beispielsweise ist lehrreich. Ich erfahre welche Konsequenzen es hat, wenn ich mich wiedersetze oder wie ich mich dabei fühle. Ich sammle Erfahrungen, wie ich in einer ähnlichen Situation künftig reagieren will.

Meine Kinder lernen nicht nach Plan:

Ehrlicherweise muss ich aber zugeben: Ja, ich mache mir schon Gedanken. Sehr viele sogar. Es ist nur so, dass meine Kinder bei den tollen Plänen oft nicht mitmachen.

Ein Beispiel:

Mein Sohn wünschte sich den Eiffelturm und die Champs-Élysées zu sehen. Weil wir sowieso noch unschlüssig waren, wohin es in den Herbstferien gehen soll, entschieden wir mit unserem Bus auf Paris und anschliessend in die Normandie zu fahren. Ich war begeistert! Wir würden in Paris weltbekannte Sehenswürdigkeiten besuchen (kulturelle Allgemeinbildung, juhuu) und danach in der Normandie die Landungsstrände der Alliierten im zweiten Weltkrieg besichtigen. Die Strände sind voll von deutschen Bunkeranlagen und es gibt viele Museen, die sich dem Thema „Alliiertenlandung“ widmen. (Geschichtsunterricht vor Ort, olé!) Zudem, so meine Überlegungen, würde mein Sohn ein Interesse für die französische Sprache entwickeln und wäre anschliessend motiviert, Französisch zu lernen. Bei mir selber erwachte das Interesse für die französische Sprache erst, als ich mit 17 Jahren im Praktikum in der Normandie plötzlich gezwungen war, mit den Leuten französisch zu sprechen. Ich war in der obligatorischen Schulzeit uninteressiert an dieser Sprache, sah keinen Sinn dies zu lernen und hatte dementsprechend auch schlechte Noten. Nach vier Monaten Auslandaufenthalt jedoch, konnte ich mich problemlos auf französisch unterhalten und ich mag die Sprache bis heute.

Ich hatte mir also im Vorfeld Gedanken darüber gemacht, was wir in den Ferien machen würden, was es dort zu sehen und lernen gibt und ich stellte Vermutungen an, was das bei meinen Kindern auslösen könnte.

Es klappt selten so wie gedacht.

Punkt eins (Paris) könnte man noch als „Erfolg“ abbuchen. Zumindest für den ältesten Sohn (7 jährig) waren der Eiffelturm, der Arc de Thriompe und die Champs-Élysées sehr interessant und eindrücklich. Wir machten uns im Reiseführer schlau über diese Bauwerke und Einiges davon konnte mein Sohn zu Hause den Verwandten erzählen. Es ist also etwas „hängen geblieben“.

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Aussicht vom Eiffelturm
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Picknick auf der Treppe vor dem Grande Arche in Paris.

Heute, gut drei Wochen nach den Ferien frage ich ihn nochmals, was er von Paris noch weiss. Seine Antwort: „Der Eiffelturm ist 300 Meter hoch und früher wurden auf dem Place de la Concorde die Leute mit der Guillotine geköpft“. Er weiss auch noch, dass verschiedene Menschen waghalsige Mutprobem beim Eiffelturm vollbracht hatten und einiges Anderes. Das zeigt mir: Was emotional aufgeladen ist, bleibt im Gedächtnis. Geköpfte Leute = interessant. Dass die Fusswege der Champs-Élysées im Jahr 1993 verbreitert wurden = langweilig. Wird nicht abgespeichert.

Bei Punkt zwei, den Landungsstränden in der Normandie, sind meine Überlegungen nur bedingt aufgegangen. Ich war mir sicher, dass das Besichtigen von alten Bunkeranlagen, Soldatenfriedhöfen und den geschichtsträchtigen Stränden Eindruck auf meine Kinder machen würde. Mein ältester Sohn, der sich momentan ja sowieso für das Thema Waffen interessiert (lese hier mehr darüber), fand das alles sehr interessant und tauchte total in diese Themen ein. Während wir am Strandufer entlang spazierten, suchte er aufgeregt die Eingänge der alten Bunker, wollte in jedes Loch klettern und spielte mit seinem Bruder stundenlang hochkonzentriert. Es waren nicht Kriegsspiele wo aufeinander geschossen wird, sondern vielmehr fühlten sie sich als Entdecker und fragten sich, was in dieser oder jener Kammer wohl aufbewahrt wurde. Mein Sohn hatte anschliessend Tausend Fragen zum Krieg, dem Militär und zu Bunkern, welche mein Mann ihm beantworten musste.

 

 

Verständnis für das Wort „Krieg“.

In meiner Vorstellung war es so, dass der Besuch der Soldatenfriedhöfe bei den Kindern eine gewisse Ehrfurcht vor dem Krieg und dem Töten bewirken würde. Mich selber stimmt der Besuch eines Soldatenfriedhofs jeweils sehr nachdenklich und mir war es wichtig meinen Kindern aufzuzeigen, dass im Krieg viele Menschen sterben und dass dies tragisch ist. Ich erhoffte mir, dass mein Sohn dadurch besser versteht, dass Krieg kein Spiel ist und man mit Waffen sehr bedacht umgehen muss. Ich hätte mir gewünscht, dass er besser versteht, was Krieg wirklich bedeutet.

 

 

Im Nachhinein muss ich feststellen, dass sich dies nicht wie gedacht auswirkte. Seine Faszination für Waffen besteht nach wie vor. Er baut sich in der Schule weiterhin diverse Waffen und macht manchmal Aussagen die mir aufzeigen, dass er die Tragweite noch immer nicht versteht. Das Thema Bunker ist zudem neu hinzugekommen, so dass wir sogar im Garten einen improvisierten Bunker bauen „mussten“, wo mein Sohn sich versteckt und vorbeigehende Leute beobachtet.

Ich habe keine Angst davor, dass mein Sohn später ein Aggressionsproblem haben wird oder gar zum Amokläufer mutiert. Ich weiss, dass dies seine Art ist, das Erlebte zu verarbeiten und die Waffenfaszination ein normaler Prozess in der kindlichen Entwicklung ist. (Lese hier mehr darüber). Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass diese Phase schneller vorbei geht und der Besuch in der Normandie hat das Ganze wohl eher noch verstärkt.

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Bombenkrater – Pointe du Hoc, Normandie

Auch was die Motivation für die französische Sprache angeht, hat der Frankreichaufenthalt keine Begeisterungsstürme ausgelöst. Beim Spielen mit den Kindern unserer französischen Freunde klappte die Kommunikation zwischen den Kindern erstaunlich gut. Sie spielten Verstecken und kletterten gemeinsam auf Bäume. Sie machten „Fangis“ und fuhren Trottinett. Meine Kinder lernten zwar „Bonjour“ sagen, aber darüber hinaus ist kein (sichtbares) Interesse gewachsen.

Freies Lernen ist nicht planbar.

Total unerwartet allerdings entwickelte mein Sohn eine Faszination für Pferde. Weil wir auf dem Pferdehof, wo ich als Teenager mein Praktikum verbrachte, Kontakt mit Pferden hatten, die Kinder reiten durften und weil wir des Öfteren beim Reitunterricht ihrer französischen Freunde zuschauten, möchte mein Sohn nun reiten lernen. Er malt Pferde und wünscht sich einen Adventskalender mit Pferdemotiv…

 

 

So wird klar, das freie Lernen ist nicht steuerbar. Ich kann mir zwar Gedanken dazu machen, aber obwohl ich meine Kinder gut kenne, weiss ich nicht wofür sie sich schlussendlich begeistern werden.

Ich versuche ihnen so viel es geht von der Welt zu zeigen und ihnen Einblicke in ein breites Spektrum an Themen zu bieten. Ihren Interessen entsprechend ermögliche ich ihnen Erfahrungen sofern ich dazu in der Lage bin. Ich mache mir aber nicht den Druck, dass ich allein meinen Kindern alles zeigen muss was sie fürs Leben brauchen. Nein, meine Kinder werden ihren Weg gehen. Sie werden sich selber Türen öffnen, von denen ich vielleicht nicht mal wusste und sie werden sich mit Menschen verbinden, die ihnen helfen.unterschrift_svea_wolkenfrei

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