Bastelarbeit in der freien Schule: Eine Kalaschnikow (und was das mit freiem Lernen zu tun hat)

Zugegebenermassen: Ich habe zuerst einmal leer geschluckt, als mein Sohn seine Bastelarbeit aus der freien Schule mit nach Hause brachte. Ein Maschinengewehr aus Holz. Eine Kalaschnikow um genau zu sein. Hier erfährst du wie es dazu kam und was das mit freiem Lernen zu tun hat.

Man muss schon voll hinter dem Konzept des freien Lernens stehen, um hier nicht (zumindest kurz) ins Zweifeln zu kommen. Würde eine Lehrperson in der Staatsschule mit ihren Schülern ein Maschinengewehr basteln, gäbe es vermutlich in der Klatschpresse eine grandiose Schlagzeile und die Lehrperson bekäme Ärger mit der Schulleitung.

Nicht so in der freien Schule meines Sohnes, denn hier wird frei gelernt. Dabei gibt alleine das Kind vor, was es lernen oder tun möchte. Und mein Sohn wollte ein Maschinengewehr haben!

Er sagte schon am Tag zuvor, dass ein anderes Kind in der Schule mit Hilfe von einem Erwachsenen ein Maschinengewehr aus Holz gebastelt hätte. Er wollte unbedingt auch so eines! Weil ich keine Lust hatte mit ihm nun ebenfalls aus Holz ein Maschinengewehr auszusägen (und dies auch nicht so ohne Weiteres gekonnt hätte), druckten wir schlussendlich ein Bild von einer Kalaschnikow am Computer aus und er schnitt mit einer Schere die Umrisse aus. Natürlich war dies aber nicht befriedigend für ihn – er wollte ja auch eines aus Holz!

Umso stolzer war er am nächsten Tag, als er mir sein Maschinengewehr aus der Schule präsentierte!

Kalaschnikow-Bastelarbeit_aus_der_freien_Schule
Die erste Bastelarbeit die mein Sohn aus der freien Schule mit nach Hause bringt: Eine Kalaschnikow.

Was hat nun eine Kalaschnikow mit freiem Lernen zu tun?

Vorausgesetzt, das Kind begeistert sich für dieses Thema, dann lautet die Antwort: Sehr viel! Dort wo das Kind seine Interessen hat, wo es von sich aus mehr wissen will und wo es fasziniert seine ganze Aufmerksamkeit investiert, dort passiert freies Lernen.

Aus der Hirnforschung weiss man: Durch die kindliche Begeisterung wird im Gehirn ganz viel Dopamin ausgeschüttet. Dieser neuroplastische Botenstoff sorgt im menschlichen Körper dafür, dass Glücksgefühle produziert werden. Das Dopamin wirkt wie Dünger im Gehirn und so entstehen viele neue Vernetzungen, welche dafür sorgen, dass das Gelernte gut abgespeichert wird und später auf vielseitige Weise wieder abrufbar ist. Kurz: Nur was emotional aufgeladen ist, wird wirklich gelernt. Das Andere wird bestenfalls ins Kurzzeitgedächtnis gespeichert und schnell wieder vergessen.

Diesen Begeisterungssturm hatte mein Sohn garantiert und sein Dopamin-Flash war bestimmt fantastisch als er seine Kalaschnikow in den Händen hielt.

Natürlich hätte ich es auch schön gefunden, wenn mein Sohn ein herziges Windrad gebaut, einen Blumentopf schön verziert, einen Teppich gewebt oder einen Korb geflochten hätte. Irgendetwas „pädagogisch sinnvolles“ und herziges. Irgendetwas, dass ich als Erwachsene für sinnvoll gehalten hätte.

Aber nein, mein Sohn hat seinen eigenen Kopf (und das ist auch gut so).

Die intrinsische Motivation

Dieses Maschinengewehr wurde gebaut, weil mein Sohn dies selber wollte. Nicht weil er überredet worden ist oder weil es der Gruppendruck vorgab, dass jetzt alle dasselbe basteln müssen. Es war auch keine Pflicht, dass jetzt überhaupt gebastelt werden muss. Nein, es war seine intrinsische Motivation, die ihn antrieb und das gefällt mir. Er hatte dieses Strahlen in den Augen und ich finde es extrem spannend, was mein Kind tut und wofür er sich interessiert, wenn er völlig frei seine Ideen verwirklichen kann – selbst wenn dabei „so etwas“ herauskommt.

Die intrinsische Motivation ist die innere, aus sich selbst entstehende Motivation eines jeden Menschen: bestimmte Tätigkeiten macht man einfach gern, weil sie Spaß machen, sinnvoll oder herausfordernd sind oder einen schlicht interessieren. Intrinsisch motivierte Tätigkeiten werden – im Gegensatz zu extrinsischen Motiven – um ihrer selbst Willen durchgeführt und nicht, um eine Belohnung zu erlangen oder eine Bestrafung zu vermeiden.

Quelle: http://www.lernpsychologie.net/motivation/intrinsische-motivation

Ich wünsche mir sehr für meine Kinder, dass ihre Freude am Lernen erhalten bleibt. In einer freien Schule bestehen dazu sicherlich bessere Chancen als im normalen Schulsystem.

Wenn wir unsere Kinder und ihre Leistung nämlich ständig bewerten (zB. auch in Form von Noten in der Schule), passiert es oft, dass die Freude am Lernen verloren geht.

Warum ist denn die Freude beim Lernen so wichtig?

Gerald Hüther, der bekannte Neurobiologe beantwortete diese Frage in einem Interview mit der Luzerner Zeitung folgendermassen:

Damit er hängenbleibt, muss der Lernstoff im Hirn emotional aufgeladen werden. Am effektivsten geschieht das, wenn ein Kind aus sich heraus lernt, weil es lernen will. Wenn dieser Wille schon gebrochen ist, lernen manche Kinder dem Lehrer zuliebe, weil sie ihn oder sie mögen. Und notdürftig klappt es eben auch mit den Dressurmethoden. Nur, da lernen die Kinder primär, was sie tun müssen, um Belohnungen zu bekommen oder Strafen zu vermeiden.

Quelle: luzernerzeitung.ch/panorama/schule-hirnforscher-huether-so-macht-man-die-freude-am-lernen-kaputt-ld.128201

 

Das freie Lernen.

Für einige Leute mag es vielleicht unverständlich sein, dass man sich in einer Schweizer „Schule“, in der ersten Klasse mit Waffen beschäftigt. Nachvollziehbar auf der einen Seite: Waffen sind gefährlich und richten auf der ganzen Welt unendlich viel Leid an. Waffen werden im Krieg verwendet und Waffen töten. Das alles ist kein Spiel, sondern bitterer Ernst für viele Menschen auf dieser Welt.

Ja. Und doch gibt es da auch noch die andere Seite. Waffen sind ein Teil der heutigen Realität und ich finde, dass man Kindern in dem Alter meines Sohnes (fast 7 Jahre) bereits aufzeigen kann, was eine Waffe ist und auch was sie bedeuten kann. Wenn es ihn interessiert (und das tut es ja offensichtlich), darf er ruhig erfahren, was Soldaten mit einem Maschinengewehr machen. Natürlich möchte ich nicht, dass er verstörende Bilder zu sehen bekommt, aber genauso wenig möchte ich, dass er im Glauben aufwächst, dass es überall auf der Welt so sicher und schön ist wie hier. Er soll wissen, dass er Glück gehabt hat, in einem sicheren Land wie der Schweiz geboren worden zu sein und dass es viele Menschen auf der Welt gibt, die dieses Glück nicht haben. Das Thema Waffen bietet ein riesiges Spektrum an weitern Themen, die man mit dem Kind besprechen kann.

Abgesehen davon hat mein Sohn bei seinem Projekt „Bau-mir-eine-Kalaschnikow“ auch sonst so einiges gelernt.

Er musste jemanden um Hilfe bitten. Er konnte beobachten wie man die Säge bedient und wie die Plastikröhre mit Leim als Visier fixiert wird. Er konnte gemeinsam mit jemand anderem etwas erreichen und er erlebte dabei ein tolles Erfolgserlebnis. Er lernte sogar, wie man mit so einer Kalaschnikow schiesst. Der vordere Griff ist nämlich nicht, wie mein Sohn zuerst fälschlicherweise dachte, zum Halten, sondern dort befindet sich das Schuss-Magazin. (Da habe selbst ich noch etwas dazu gelernt.) Offenbar haben sie in der Schule ein Video geschaut wie Soldaten mit der Kalaschnikow schiessen, weil mein Sohn anfänglich dem Betreuer nicht glaubte, dass dieser „Griff“ in Wirklichkeit das Schuss-Magazin ist. Nun hält mein Sohn das Gewehr also korrekt beim Spielen. Wenn schon, denn schon!

Vermutlich lernte er noch viele andere Dinge bei dieser Aktion. Ich habe die Situation ja selber nicht beobachtet, aber überall wo Menschen gemeinsam etwas tun, wird auf unterschiedlichsten Bereichen gelernt. Vielleicht mussten sie zuerst ein Modell zeichnen, oder sich gemeinsam für einen Typ Maschinengewehr entscheiden oder überlegen, welches Holz sich dafür am besten eignet oder oder oder…

Zu Hause hat mein Sohn noch ein Loch in das Holzgewehr gebohrt, damit er es zum Aufbewahren an einen Nagel hängen kann. Dort war es bis jetzt jedoch noch garnicht, denn es hat seither bereits einige Nächte bei uns im Familienbett „geschlafen“.

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Ein Loch wird gebohrt.

Das Spiel mit Waffen ist für viele Jungs nicht aus der kindlichen Entwicklung wegzudenken.

Trotzdem: Diese unverhoffte Kalaschnikow in unserem Haushalt hat mich dazu angeregt, mir Gedanken darüber zu machen, in welcher Form ich das Spiel mit Spielzeugwaffen bei uns zu Hause erlauben möchte. Ich hinterfragte die Gründe, wieso viele Jungs sich in einem bestimmten Alter für Waffen interessieren und ob dies für ihre Entwicklung gefährlich sein kann. Der Artikel der daraus entstand, findest du hier: Regeln zum Spielen mit Spielzeugwaffen.

Aus meinem Umfeld ertönten zugleich ebenfalls Stimmen im Sinne von: „Und, freust du dich nun darüber? Das hast du davon, dass du dein Kind nicht in die „normale“ Schule schickst.“

Ja, so ist das mit dem freien Lernen: Man weiss nie genau, wohin es einem führen wird, aber die Reise ist und bleibt stets spannend sofern man bereit ist, auch mal unkonventionelle Wege zu gehen… und an jedem Thema kann man wachsen. Es führen bekanntlich viele Wege nach Rom.

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3 thoughts on “Bastelarbeit in der freien Schule: Eine Kalaschnikow (und was das mit freiem Lernen zu tun hat)

  1. Liebe Svea,

    starke Nerven wünsche ich Dir! Die wirst Du brauchen (wegen der doofen Sprüche), und Überzeugung, und Vertrauen in Dein Kind. Aber dann ist es so ein guter Weg -!

    Mein Sohn hat sich mit 5 Jahren monatelang mit StarWars-Sammelkarten beschäftigt, inklusive der ganzen Waffen und Kriegsszenerie (Filme gucken aber noch nicht! Da hab ich doch mein Veto gegeben), und auch der Angriffs- uns Verteidigungszahlen in den Ecken. Nach einem Vierteljahr konnte er nicht nur endlich sicher bis zwanzig zählen (hat mich ja doch verunsichert, so langsam, dachte ich, könnte er das mal können), sondern hat blitzschnell addiert und subtrahiert bis in die 10.000er, hat mit seinen Ängsten wesentlich besser umgehen können und hat ein bisschen „cool sein im Kindergarten“ gelernt. Und gewalttätig wurde er nicht, sondern hat sich ganz ernsthaft mit „Mamidala“ und den Familienbeziehungen herumgeschlagen. Mit dieser Erfahrung konnte ich vertrauensvoll als Demokratische Schulkindmutter starten. In den letzten 5 Jahren hatte ich noch einige dieser Aha-Momente, bei denen ich erst in der Rückschau erkannt habe, worum es meinem Kind eigentlich ging, und was es dabei gelernt hat. Schön für das Mamaherz, und beeindruckend mitzuerleben.

    Danke für Deinen Blog, ich habe ihn vor ein paar Tagen entdeckt und freue mich, Eure Schritte mitzulesen.

    1. Liebe Babo. Dein Kommentar freut mich mega! Du zeigst wundervoll auf, wie freies Lernen funktioniert und dass das Lernen auf so spannenden Wegen verläuft. Mein Sohn interessierte sich zum Beispiel auch jahrelang nicht fürs Ausmalen von „Ausmalbildern“. (So herzige halt, mit Zwergen oder Traktoren.) Erst als er Superhelden ausmalen konnte, hat ihn das Malfieber gepackt, dafür dann gleich so richtig! Ich finde das auch sehr spannend und motivierend zu hören, dass es auch anderen so geht. Ich freue mich, wenn du meinem Blog folgst 🙂 Herzliche Grüsse, Svea

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