Schulstart freie Alternativschule – Fazit erste Schulwoche:

Mein Sohn besucht eine freie Alternativschule. Nach zwei Jahren im „normalen“ Kindergarten, hat er diese Woche seinen Schulstart absolviert. Mein Fazit nach der ersten Schulwoche: Der Start ist geglückt. Wie wir den ersten Schultag zelebrierten und wie die erste Woche verlief, erfährst du hier. 

Nach unserem kein Schulsack-Drama war es mir sehr wichtig, einen anderen Herzenswunsch meines Sohnes zu erfüllen. Eine Schultüte! Diese hat in der Schweiz zwar keine Tradition, aber so langsam scheint sich dieser deutsche Brauch auch bei uns einzuschleichen. Ich finde so eine Schultüte zwar total überflüssig und sinnfrei, aber nachdem ich böse Rabenmutter meinem Kind bereits seinen Schulsack verweigerte, sollte wenigstens sein Wunsch nach dieser Zuckertüte wahr werden. Was soll’s. Mein Sohn wünschte es sich so sehr, dass ich kurzentschlossen am Sonntag Abend entschied, ihm doch so eine Tüte zu schenken.

Während dem ich also alles mögliche an Süsskram an der Tankstelle zusammenkaufte (pädagogisch sinnvoller Inhalt: Fehlanzeige), bastelte mein Mann aus dem was gerade noch zu Hause war eine Schultüte. Das Ergebnis: Eine Schultüte die als solche zumindest zu erkennen ist und ihren Zweck erfüllt, auch wenn sie meinen Ansprüchen bezüglich Optik und Inhalt nicht wirklich genügte. (Hätte es doch viiiel schöner ausgesehen mit Schokoladenkäferchen anstatt Schokoladensmileys und es wäre doch toller gewesen noch kleine herzige „Sächeli“ in die Tüte zu packen wie bunte Radiergummis oder Leuchtstifte.)

Es erschreckte mich selber: Neben all dem Schreiben im Blog zum Thema Schule und Schulanfang, vergass ich beinahe, diesem Ereignis im „richtigen Leben“ die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Ich wusste, dass er in eine tolle Schule gehen darf und dass es ihm dort gefallen wird. Vermutlich war ich deshalb anfänglich der Meinung, es sei nicht so speziell, wie der Schulstart in der staatlichen Schule. (Wo sich für die Kinder ja doch so einiges verändert.) Dennoch: Ein neuer Lebensabschnitt fängt an und ich finde, man darf diesen auch ruhig etwas zelebrieren. Für das Kind ist es nämlich schon ein grosses Ereignis – egal um welche Schule es sich handelt. Und irgendwie war es auch für mich als Mama ein emotionaler Moment, wenn das Kind, dass doch erst gerade noch ein Baby war, bereits in die Schule kommt.

Mein Sohn freute sich extrem über all die Glückwünsche und „Guten Start“- Nachrichten die er vom Gotti, Grosseltern usw. erhielt. Ihm wurde bewusst, dass hier wohl etwas Spezielles passieren würde und er war richtig stolz. Vor lauter Aufregung konnte er erst spät einschlafen.

Seine Freude am nächsten Morgen als er die Schultüte erblickte war jeden nächtlichen Aufwand wert! 

 

Schultuete-erster-Schultag
Schultüte und Frühstücksplätzchen für den ersten Schultag.

 

Ich begleitete meinen Sohn in die Schule und blieb noch eine Zeit lang dort um sicher zu gehen, dass alles in Ordnung ist. Nicht weil mein Sohn dies wirklich gebraucht hätte, vielmehr habe ICH es gebraucht.

Wie verlief der Schulstart?

Schulbeginn um 09.00 Uhr: Überall stehen Schuhe und Rucksäcke herum. Viele Eltern sind da und es herrscht ein „Chrüsimüsi“. Es ist nicht so, wie ich es vom Kindergarten gewohnt bin. Dort hatte jedes Kind in der langen Garderobe sein Plätzchen, dass bereits mit Namen und Bildli angeschrieben war. Es gibt auch keinen Sitzkreis oder Pulte welche für die Kinder speziell vorbereitet sind. Stattdessen treffen wir auf eine bunte Kinderschar in einem grossen Raum voller Spielnischen. Büchergestelle, Legokisten, Spiele, drei grosse Tische, ein Hochbett und ein Sofa mit vielen kuscheligen Kissen. Am Boden liegen verschiedene Teppiche welche dem Raum eine heimelige Atmosphäre verleihen.  Die Kinder begrüssen sich freudig, währenddem andere bereits am Spielen sind.

Mein Sohn schaute sich erst im Raum um und war kurz überfragt, was er jetzt machen soll. Aber noch bevor alle Kinder offiziell begrüsst wurden, war er bereits in ein Spiel vertieft, bei welchem er versuchte die Waagschale einer alten Waage ins Gleichgewicht zu bringen. Schnell gesellten sich zwei weitere Buben dazu und halfen mit, verschiedene Gewichte auf die Waagschalen zu verteilen. Das Eis war gebrochen.

Toll fand ich, dass plötzlich in der Gruppe die Idee aufkam, gemeinsam ein Lied zu singen. Ein Kind schlug: „One Life One Soul“ von Gotthard vor. Kurzerhand holte eines der älteren Kinder eine Gitarre und spielte darauf das Lied vor und sang dazu. Einige sangen mit – nicht mein Sohn, er interessierte sich mehr für die Waage. Mich beeindruckte es, dass ein Kind spontan vor so vielen fremden Leuten (es waren ja etliche neue Eltern und Kinder dabei) ein Lied vorspielte. Frei aus dem Moment heraus, ungezwungen und berührend.

Vielleicht inspirierte dieser kleine Auftritt ein anderes Kind, auch lernen zu wollen, wie man Gitarre spielt? Das gefällt mir an dieser Schule. Es laufen überall Dinge ab, die das Potential haben, das Interesse der Kinder zu wecken. Ist die Begeisterung vorhanden, wird mit Freude und oft sehr schnell gelernt. Aus neurobiologischen Erkenntnissen weiss man, dass nur was mit Begeisterung und Freude gelernt wird, auch im Gehirn verankert bleibt.

Das Gehirn ist kein Muskel

Das menschliche Gehirn funktioniert nicht wie ein Muskel, den man durch schulische Lernangebote trainieren könnte. Neues Wissen und neue Fähigkeiten und Fertigkeiten erwirbt ein Mensch nur dann, wenn es ihn emotional berührt, wenn ihm etwas unter die Haut geht, wenn also die emotionalen Zentren in seinem Gehirn aktiviert werden.

Nur dann werden an den Enden der weitverzweigten Fortsätze der im Mittelhirn in den emotionalen Zentren lokalisierten Nervenzellen sog. neuroplastische Botenstoffe ausgeschüttet. Sie wirken wie Dünger auf die in diesem Zustand emotionaler Beteiligung aktivierten, zur Lösung eines Problems oder zur Klärung einer Fragestellung aktivierten, neuronalen Verschaltungen. Sie stimulieren das Auswachsen weiterer Fortsätze und die Bereitstellung weiterer Kontakte und Vernetzungen.

Deshalb kann man eigentlich nur dann etwas neues Lernen und eine neue Erfahrung in Form neuer Verschaltungsmuster im Hirn verankern, wenn man sich darüber begeistert oder wenigstens freut, wenn das, was es zu lernen gilt, also auch wirklich bedeutsam für denjenigen ist, der lernt. Zu diesen Selbstbildungs- und Selbstaneignungsprozessen kann man Schüler nicht zwingen, weder mit Belohnungen noch mit Bestrafungen. Dazu kann man sie nur einladen, ermutigen und inspirieren.

Prof. Dr. Gerald Hüther – Professor für Neurobiologie, Autor, Elternratgeber

Im Verlaufe des Morgens verabschiedete ich mich von meinem Sohn. Einige andere Eltern blieben noch länger. Mein Sohn war versunken in sein Lego-Spiel mit zwei anderen Jungs. Er zeigte seine gebauten Werke stolz den anwesenden Erwachsenen und ich spürte, dass es ok ist, wenn ich jetzt gehe.

Lernen loszulassen

Ich muss zugeben, das Unstrukturierte – oder eben das FREIE – war für mich ungewohnt und ich ertappte mich dabei, dass ich überbehütend meinem Sohn hundert Mal erklärte, wo sein Rucksack ist und wo ich seine Finken hingestellt habe (die er natürlich nicht anziehen wollte, sondern  er spielte lieber in den Socken). Ich trichterte ihm nochmals ein, dass er sich bei Hunger selber ein „Znüni“ holen könne, weil es keine offizielle Pause gibt und dass er sich bei der und der Person melden könne, falls etwas sein sollte. Meinen Sohn interessierte das alles überhaupt nicht, er fühlte sich pudelwohl.

Ich bin es mir anders gewohnt und ich spüre, dass ich mich darin üben muss, loszulassen und die Verantwortung meinem Kind zu übergeben. Er wird im Wald selber feststellen wenn er kalt hat und auf die Idee kommen, dass im Rucksack warme Kleider sein könnten und er wird ebenfalls selber die Erfahrung machen, dass er seine Sachen in der Schule nicht mehr findet, wenn er sie achtlos irgendwo liegen lässt.

Und erstaunlicherweise kam er aus dem Wald zurück und hatte – oh Wunder – einen Pullover an!

Mein Fazit nach der ersten Schulwoche:

Der Schulstart ist vollumfänglich geglückt! Mein Sohn liebt die Schule und fühlt sich wohl dort. Als ich ihn am zweiten Schultag mittags abholte, bat er darum, auch am Nachmittag noch bleiben zu dürfen, obwohl die Unterstufe am Nachmittag frei hat.

Ansonsten kann ich noch nicht viel berichten, denn eigentlich habe ich ja nicht viel Ahnung davon, was mein Sohn die ganze Woche über in der Schule gemacht hat. Anhand seiner Erzählungen weiss ich, dass er ein Buch vorgelesen bekommen hat mit dem Titel „Super Tiere“ und er mich daraufhin zu Hause mit diversen Fakten belehrte, welches das grösste, schnellste oder schleimigste Tier der Welt ist. Er war im Wald, er spielte Posaune und spielte mit zumindest einem neuen Freund.

Auf gehts ins Wochenende und in die neue Woche! Wir freuen uns.

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2 Antworten auf „Schulstart freie Alternativschule – Fazit erste Schulwoche:

  1. Danke für den Bericht. Ich lese gerade „Chrisina von Dreien“ und bin überzeugt, dass auch sie diese Freie Schule als ein zukunftsgerichtetes Schulsystem einstufen würde. Das staatliche Schulsystem ist meiner Meinung nach in vielen wesentlichen Punkten untauglich und Schäden verursachend. Gut, dass immer mehr Eltern Alternativen in Anspruch nehmen.

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    1. Hallo Gantu. Ich denke es ist eine sehr individuelle Entscheidung der Eltern, in welches Schulsystem sie ihre Kinder schicken wollen. Es gibt wohl nicht das Eine, das für alle das Richtige ist. Vermutlich könnten aber noch sehr viel mehr Kinder gut mit einem freien, demokratischen Ansatz umgehen, wenn die Eltern es ihnen zutrauen würden.

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