So einfach ist freies Lernen – 10 Fähigkeiten die mein Kind mit dem Panini-Album „trainiert“.

Es ist Fussball-WM! Mich liess das Thema bisher kalt. Ich bin kein Fussball-Fan und verstehe auch nicht besonders viel davon. Mein sechsjähriger Sohn allerdings, mutiert gerade zum Fussballcrack! Regelmässig werde ich zur Zeit mit Fussball-Fakten belehrt, die er irgendwo aufgeschnappt hat. „Der Yann Sommer isch im Fau der bescht Golie vor Schwiz! Mama, hesch gwüsst, dass em Golie sis Libli immer e angeri Farb het aus das vo der Mannschaft? Der Shaqiri het d Nummere 23 uf sim Libli“ und so weiter!

So hat er mich auch gegen meine anfängliche Überzeugung überredet, ein Panini-Album zu kaufen. Wer kennt es noch aus der eigenen Schulzeit? Das Album dass mit Sticker der Fussballstars beklebt wird und wo man mit den Freunden Kleber tauschen muss, um ein Album voll zu kriegen. „Das kostet doch nur viel Geld und nach der WM schaust du das eh nie mehr wieder an“, so lautete mein Statement dazu. Doch weit gefehlt – das Panini-Album entpuppt sich als super „Schulbuch“ für uns Freilerner!

Das funktioniert aber natürlich nur dann, wenn das Kind unbedingt so ein Album haben will und wie mein Sohn, voller Interesse für Fussball ist. Denn mit der intrinsischen Motivation, steht und fällt das freie Lernen. (Intrinsische Motivation ist die von innen heraus, aus sich selbst kommende Motivation).

Also gut, was hat mein Sohn denn nun gelernt mit dem Panini-Album?

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10 Fähigkeiten:

1. Lesen

Mein Sohn kannte bereits die Grossbuchstaben, jedoch hat es ihn bis jetzt nicht interessiert, aus den einzelnen Buchstaben Worte zu entziffern. Bis jetzt! Erstes selbst gelesene und verstandene Wort „RUSSIA“ (Steht gross und fett auf dem Cover des Panini-Albums). Voilà, mit der entsprechenden Motivation geht es!

2. Zahlen im Hunderterbereich kennenlernen

Das Panini-Album hat Platz für 682 Kleber welche nummeriert sind. Von einem älteren Freund bekam mein Sohn eine Liste mit allen Zahlen bis 682, so dass er nach jedem eingeklebten Sticker die dazugehörige Zahl auf seiner Liste durchstreichen kann. Wenn er das korrekt macht, kann er mittels seiner Liste auf einen Blick sagen, welche Sticker ihm noch fehlen.

Mein Sohn kannte die Zahlen bis etwa 20. Es war für ihn ein enormer Willensakt, diese hohen Zahlen auf der Liste zu suchen um sie durchzustreichen. Oft bat er um Hilfe, weil er beispielsweise die Zahl 438 nicht fand. Ich habe dann mit ihm gemeinsam überlegt, wie er herausfinden kann, ob seine gesuchte Zahl höher oder tiefer ist, als diejenige welche er gerade vor sich sieht. (400 kommt nach 300, genauso wie die Zahl 4 nach der Zahl 3 kommt und so weiter)

3. Strategisches Arbeiten

Aktuell ist das Album etwa halbvoll. Heute hat mein Sohn 10 Päckli mit Kleber geschenkt bekommen, das ergibt 50 neue Sticker. Er wirkte etwas überfragt damit, herauszufinden welche Kleber er bereits hat und welche ihm noch fehlen. „Wie mache ich das jetzt am Besten?“ Er probiert immer wieder andere Strategien aus, wie beispielsweise alle Fussballspieler nach ihrer Mannschaft zu sortieren. Manchmal breitet er aber auch alle Sticker nebeneinander aus und versucht so einen Überblick zu gewinnen. Interessanterweise geht er nicht so vor, wie ich selber es handhaben würde, weil er die Sticker zum Beispiel mehrmals ausbreitet und neu sortiert, nur um sie schlussendlich wieder im Durcheinander zu verstauen, anstatt sie einzukleben. Vermutlich lernt er aber genau so, was für ihn funktioniert und was nicht.

Er sammelte die Doppelten zuerst in einer Kartonkiste. Später befand er, dass sie in einem Portemonnaie besser aufgehoben sind, weil er sie so besser zu jemandem mitnehmen kann zum Tauschen. Der jüngere Bruder findet auch Gefallen an den Stickern. „Wie schaffe ich es, dass er mir die Kleber nicht wegnehmen kann und irgendwo versteckt?“ Für meinen Sohn, der wie wohl die meisten Sechsjährigen ein Talent hat, alle möglichen Dinge zu verlegen, eine ernstzunehmende Aufgabe.

So stellen sich immer wieder neue Aufgaben, die es zu bewältigen gilt. Nicht erfolgreiche Methoden werden verworfen und anhand von Fehlern wird gelernt!

4. Konzentration

Für meinen Sohn stellt es eine enorme Konzentrationsleistung dar, die verschiedenen Zahlen auf den Stickern, dann im Panini-Album und anschliessend auf seiner Liste zu suchen.

5. Feinmotorik

Er muss die Rückseite der Sticker entfernen und ihn möglichst genau auf seinen vorgesehenen Platz kleben.

6. Geographisches Wissen

Im Album gibt es zu jedem, an der WM teilnehmenden Land, eine Seite. Vermerkt sind der Name des Landes, auf welchem Kontinent es sich befindet (inklusive Landkartenausschnitt des Kontinents) und es hat ein Bild der Landesflagge. Ausserdem erfährt man normalerweise etwas über den Durchschnittsbürger des jeweiligen Landes. Man erkennt also unter anderem, dass zum Beispiel die Menschen die in Nigeria leben, dunkle Haut haben oder dass in Serbien die meisten Nachnahmen mit der Silbe „ic“ enden.

Ich staune darüber, wieviele Landesflaggen mein Sohn bereits kennt, ohne dass wir diese speziell gelernt hätten und dass er die Kontinente anhand ihrer Form unterscheiden und benennen kann.

7. Sozialkompetenz

Panini-Bilder sammeln fördert die Sozialkompetenz – wer hätte das gedacht!

Mein Sohn tauscht sich mit den anderen Kindern aus. Manchmal verschenkt er einen Sticker, ohne etwas dafür zurück zu wollen, oder er erhält von einem Kind einen geschenkt. Geben und Nehmen – Erleben dass beides schön ist. Die Sticker werden auch untereinander getauscht und er lernt wie man fair verhandelt.

Von einem älteren Nachbarsmädchen erhielt er teilweise Hilfe beim Einkleben der Sticker. Man muss also abmachen, wer welche Aufgaben übernimmt. „Du klebst ein, ich streiche die Nummer auf der Liste ab, ok?“ Bei Uneinigkeiten mit der Arbeitsverteilung muss dies kommuniziert und eine neue Lösung gesucht werden. Wichtige Fähigkeiten fürs Leben!

8. Kreativität

„Wie komme ich zu Stickern?“ Das eigene Geld aus dem Kässeli reicht noch nicht um ein Album voll zu kriegen. Was also tun?

Er hat sein soziales Netz mobilisiert, um an genug Sticker zu kommen. Er hat um Hilfe gebeten und erlebt nun, dass seine Wünsche gehört werden und ihm der Götti oder das Grosmueti manchmal ein Päckli Panini-Kleber schenken.

Auch beim Suchen von verschiedenen Sortier-Strategien ist Kreativität gefordert.

9. Umgang mit Geld

„Wieviel Geld von meinem „Kässeli“ investiere ich in die Sticker? Mit einem Franken könnte ich entweder 10 Gummifröschli im Volg kaufen oder 1 Pack Panini-Kleber.“

Er lernt den Wert des Geldes kennen und macht Erfahrungen damit, wie es ist sein Geld ausgegeben zu haben, oder die Möglichkeit zu haben, mit erspartem Geld etwas kaufen zu können.

10. Zahlen schreiben

Nach den Gruppenspielen können die Spiel-Resultate (zum Beispiel 2:0) in die dafür vorgesehenen Kästchen eingetragen werden.

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Bestimmt ist dies noch nicht mal alles, dass mein Sohn mit seinem Panini-Album gelernt hat, aber so also kann freies Lernen aussehen. Ob es nun Paninisticker sammeln, eine Baumhütte bauen oder irgend eine andere Tätigkeit ist: Es sind ganz oft sogenannte „schulische Fächer“ mit der Tätigkeit verknüpft, die man auf diese Weise ganz nebenbei lernt. Praxisbezogen, aus eigenem Interesse heraus und deshalb effizienter, als wenn man es mühsam, gegen seinen Willen, auswendig lernen müsste.

Wird er sein Album voll kriegen?

Dies ist die grosse Frage die ich mir aktuell stelle.

Ich kaufte das Album ursprünglich nur weil mein Sohn mich so oft darum bat und ich ihm ermöglichen wollte, im Kindergarten „dazu zu gehören“. Da er nun aber soviel Zeit und Freude in das Album investiert, spiele ich mit dem Gedanken, ihm dabei zu helfen, sein Album komplett zu füllen. Das heisst dann nochmals verhältnismässig viel Geld zu investieren und ihm beim Tauschen zu helfen… denn ich weiss, dass er es alleine noch nicht schaffen kann, sein Album komplett zu füllen. Schon nur wegen dem Preis, der wohl auf einige hundert Franken kommen würde! Noch bin ich mir unschlüssig. Genügt es ihm, „mitgemacht“ zu haben, oder ist es ihm wirklich wichtig, dass das Album schlussendlich komplett ist?

Wie handhabt ihr das bei euren Kindern? Dürfen die Kinder ihr Album komplett füllen? Hat jedes Kind sein eigenes Album? Ist das Panini-Album-füllen bei euch ein Familienprojekt oder machen das die Kinder selbständig? Ich freue mich über einen Austausch zum Thema.

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